Führung mit Herz

Leadership ist in aller Munde. Ungezählte Managementkonzepte widmen sich dem Verhältnis von Führungskraft, Mitarbeitenden und Unternehmenserfolg. Ernst Wyrsch, der erfolgreiche Hotelier, Referent und Coach, verrät uns in den nächsten drei Ausgaben von «Hotelière» seine Geheimnisse guter Führung.

Mein Titel mag verwirren. Denn was ein Leader ist, wissen wir: Das kennen wir aus dem Sport, aus der Musik etwa – und vor allem auch aus der (Markt-)Wirtschaft. Doch was – um Himmels willen – hat das mit Herz zu tun? Ich wage den Versuch, zu erklären. Dies deshalb, weil ich derzeit als Dozent viele Vorträge und Workshops durchführe. Meine Themen sind «zwi-schenmenschliche Beziehungen» – und damit verbun-den sind eben auch Führungsstrukturen. In meiner Tätigkeit habe ich Folgendes vermerkt: In der letzten Zeit hören Männer bei sogenannten Herzthemen viel besser zu als früher. Frauen haben in dieser Hinsicht schon weit – um Jahre – länger positiv reagiert.


Herzthemen in der Führung?

Das Gegenteil von Herzthemen sind Fakten. Fakten und der Versuch, alles über den Verstand zu lösen. Denn Logik verbietet es in vielen Bereichen, das Herz einzuschliessen.


Männer versuchen, alles über den Verstand zu lösen. Für sie hat Wissenschaft einen hohen Stellenwert und damit hohe Glaubwürdigkeit. Frauen hingegen ver-stehen bisweilen auch Homöopathie als nachweislich richtig. Dabei ist es ihnen völlig egal, ob man deren Substanz nun nachweisen kann – oder eben nicht. Denn ihnen genügt der sogenannte Beweis der Wirksamkeit.


Doch zurück zu Themen, die mich in meiner Arbeit beschäftigen: Was ist Leadership mit Herz – oder eben neuzeitliche und zeitgerechte Führung? Unser heutiger Führungsansatz geht vom Grundsatz und von der Überzeugung aus, dass der Chef für seine Mitarbeiter da sein müsse – und nicht umgekehrt. So hat der Chef sicherzustellen, dass die Mitarbeiter ihre Arbeit in Ruhe und Freiheit verrichten können.


Lenin hat sich geirrt

Ich bin überzeugt: Wladimir Iljitsch Lenin hat sich geirrt mit seiner (kommunistischen) Devise: «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Wir werden gut fahren, wenn wir Lenins Worte umkehren: Dann heisst das: Wir vertrauen so lange, bis unser Vertrauen getäuscht wird. Führung bedeutet heute moderne Gestaltung des Arbeitsplatzes und damit des Umfelds des Mitarbeitenden.


Drei wichtige Fragen

Ein guter Chef hat die drei folgenden wichtigen Fragen zu stellen:

– Was kann ich dazu beitragen, dass meine Mitarbeiter mehr leisten, als sie leisten müssten?

– Was kann ich dazu beitragen, dass meine Mitarbeiter für unser Unternehmen (und damit auch für mich) «durchs Feuer gehen»?

– Was kann ich von mir aus tun, um mit weniger Aufwand mehr erreichen zu können?


Klar ist: Nur wer die richtigen Fragen stellt, hat auch Chancen, die richtigen Antworten zu erhalten. Wenn ich meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter «stimmig» ansprechen will, dann muss ich als Chef deren Wertehierarchie kennenlernen und verinnerlichen. Natürlich hat dies mit Gesprächstechnik zu tun – und diese ist lernbar. Voraussetzung ist der gute Wille, und der sollte bei jedem Chef Voraussetzung sein.


Ernst Aschi Wyrsch, dipl. Hotelier SHV/VDH,

ist seit zwölf Jahren Dozent und Projektleiter an der St. Gallen Business School für Leadership, Motivation und Glück. Er begleitet ganze Führungskräfteteams über anderthalb Jahre durch verschiedene Module. Er ist Präsident Hotelleriesuisse GR, Verwaltungsrat, Coach und Keynote-Speaker. Er ist Autor des Buches «Mit Herzblut», Wörterseh Verlag. Seit 2003 ist er Ehrenpräsident des Hockey Club Davos.




Rucksack überprüfen

Der psychische Druck auf die Leader wird künftig noch stärker werden, als er heute schon ist. Wenn (wir) Leader demselben standhalten wollen, müssen wir meines Erachtens schwere Steine entfernen, die wir in einem unsichtbaren Rucksack und unbewusst stets mit uns tragen.


Der erste und wichtigste Schritt wird der sein, uns darüber bewusst zu werden, dass wir uns Dingen entledigen müssen, die zu tragen nicht allein unsere Sache sein soll. Denn unsere Aufgabe ist es ja zu führen. Und zur Führung gehört vor allem auch, delegieren zu lernen und zu können. In der Delegation liegt Kraft. Die Kraft des Vertrauens. Denn wer als Führungspersönlichkeit nicht delegieren kann, der wird über kurz oder lang scheitern. Delegieren be -deutet alles andere als Trennungsschmerz von einer (selbstgestellten) Aufgabe. Denn wer delegiert, wer loslassen kann, der hat die Hände und den Kopf frei für die wirklichen Aufgaben des Leaders.


Wer schlecht oder überhaupt nicht delegieren kann, muss sich überlegen, ob jenes Vertrauensbild stimmt, das er von seinen Mitmenschen hat. Denn die Regel sagt: Wer (als Chef) oft und gut delegiert, der schenkt Vertrauen. Vertrauen, das zu schenken sich lohnen wird. Eigentlich logisch und einfach. Finden Sie nicht auch?


Zwei Menschenbilder

Damit wären wir beim sogenannten Menschenbild. Gemeint ist jenes Bild, das wir uns von Mitmenschen machen. Um diese Frage anzugehen, haben wir die Auswahl aus zwei völlig gegensätzlichen Perspektiven.


Erstens: Jeder Mitmensch ist grundsätzlich schlecht – oder zumindest in Zweifel zu ziehen –, bis er mir das Gegenteil bewiesen hat. Zweitens: Jeder Mitmensch ist im Grunde gut. Vertrauen entziehen kann ich ihm ja immer noch, wenn er mich enttäuscht hat. Wie denken Sie darüber, geschätzte Leserin und geschätzter Leser?


Aus meiner Warte sehe ich eine Gefahr: Diejenige nämlich, dass wir unsere Mitmenschen allzu sehr nach dem sogenannten Augenprinzip sehen und beurteilen:


– Wie sieht er aus?

– Wie gibt er sich? Wie verkauft er sich?

– Ist er in der Norm, die ich von ihm erwarte?


Vertrauen lohnt sich immer

Wenn wir nach diesen Kriterien urteilen, werden wir oft enttäuscht werden. Denn etwas fehlt in den genannten Kriterien: Es ist das Vertrauen. Meine feste Überzeugung ist: Wir müssen unseren Mitmenschen vertrauen!


Es kann zutreffen, dass wir zwischenzeitlich ent-täuscht werden. Und doch bleibe ich dabei: Geschenk-tes Vertrauen lohnt sich immer. Nichts gegen Kont-rolle. Kontrollen dürfen sein, aber ein Übermass an Kontrollen schadet dem Vertrauen. Also:


Versuchen Sie, vertrauensvoll mit Ihren Mitmenschen umzugehen. Ich bin sicher, Sie werden reichlich belohnt. Es kann Enttäuschungen geben. Doch bitte, ändern Sie deswegen Ihr System nicht.

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