Was steckt jetzt hinter den alten Fassaden?

Architektur, Geschichte und Design Im neuen Kempinski Palace Engelberg In der Zentralschweiz existiert jetzt eine neue Hotelikone: Nach einer Bauzeit von fünf Jahren wurde Ende Juni in Engelberg das Kempinski Palace mit 129 Zimmern und Suiten eröffnet. Das Interior Design stammt von Jestico + Whiles aus London. Wie schafften es die Innenarchitekten, Hotelgeschichte und zeitgenössisches Design in Einklang zu bringen?


Der 25. Juni 2021 markiert einen neuen Meilenstein in der Geschichte der Kempin­ski-Gruppe. Mit der Eröffnung des Luxushauses Kempinski Palace Engelberg zählt nun ein weiteres Fünf-Sterne-Haus zum über 120-jährigen Traditionsunternehmen. Insgesamt fünf Jahre haben die Bauarbeiten gedauert. Dabei wurde die historische Struktur des früheren Grandhotels erhalten und ein zusätzlicher, neuer Hotelflügel erbaut. Entstanden ist ein architektonisches Meisterwerk, das Tradition und Moderne gekonnt miteinander verbindet.



Chinesischer Bauherr und Besitzer

Das neue «Kempinski» bietet 129 Zimmer und Suiten. Entspannen können sich die Gäste im Rooftop-Spa mit Infinitypool und Panoramablick auf die Bergwelt. Für kulinarische Erlebnisse ist das Cattani Res­taurant mit regionalen und saisonalen Produkten zuständig. Neun Event- und ­Kon­ferenzräume sowie der denkmalgeschützte Kursaal ergänzen das Hotelan­gebot.


Bauherrin und Besitzerin des Hauses ist die Han’s Europe AG, eine Tochtergesellschaft des chinesischen Investors Yunfeng Gao, der auch das «Palace» in Luzern und die Frutt-Hotels besitzt.




Als «Titlis Palace» eröffnet

Das Hotel ist die Wiedererweckung des berühmten Grandhotels, das ursprüng­-lich 1904 im Bergdorf Engelberg als «Titlis Palace» eröffnet wurde. Die klassischen Belle-Epoque-Merkmale des ursprünglichen Hotels wurden beibehalten. Jedoch erhielt das Gebäude einen neuen Flügel, dessen Architektur von Sigrist Schweizer Architekten aus Luzern stammt. Das Interior Design wurde von Jestico + Whiles komplett neu mit raffinierten modernen Interventionen gestaltet. Diese stehen im Dialog mit traditionellen Merkmalen, die von lo­­kalen Handwerkern originalgetreu restauriert wurden.



Was steckt hinter dem Design?

Der Designauftrag war einfach und klar: Das Hotel soll seine Position als luxuriöses, elegantes und komfortables, ganzjähriges Reiseziel zurückerobern. Es sollte einladend und warm sein und gleichzeitig die besondere Präsenz des ursprünglichen Hotels als «Heimat» für all diejenigen ­beibehalten, die einen entspannten Ausgangspunkt für Bergsport und Natur suchen. Und auch beim Design galt es, keine Abstriche zu machen. Erkennbar frisch und zeitgemäss musste es sein. Dazu sollte es sorgfältig und respektvoll mit den traditionellen Merkmalen sowie der reichen Geschichte des Hotels in Einklang gebracht werden. Die Form des Hotels und die ungewöhnliche Anordnung der Räume waren eine besondere Herausforderung für die Designer, gleichzeitig aber auch eine Chance, um das Erbe unter Beibehaltung der ursprünglichen Pracht an die nächste Generation weiterzugeben.



Alt und neu verbinden

Trotz der physischen Herausforderungen, alte und neue Elemente miteinander zu verbinden, bringt der zeitgenössische De­­signansatz Vergangenheit und Gegenwart auf harmonische Weise zusammen. Materialität, Textur und sanfte Farben sind eine Konstante. Verschiedene Farben und de­­korative Themen bringen Charme in das neue Ensemble, ohne kitschig zu wirken. Subtile Farbpaletten der Natur mit verschiedenen Texturen und Schattierungen sorgen im gesamten Hotel für eine ruhige und zeitlose Atmosphäre. Lokale Mate­rialien wie Holz und Stein sind von der Bergkulisse inspiriert und zeichnen sich durch Wärme und eine raffinierte Erdigkeit aus. Sie sind beeinflusst von der lokalen Handwerkskunst und traditionellen Techniken, die auf zeitgemässe Weise verwendet werden. Alpenmotive dienen als Inspiration.




Die Lobby

Die Lobby befindet sich an einem neuen, zentraleren Standort und ist über einen eindrucksvollen Portikus sowie eine grosse Treppe zugänglich. Gleich beim ersten Betreten erleben die Gäste, wie die eindrucksvollen Proportionen und bewusst erhaltenen Merkmale der neuen, ausser­gewöhnlichen Lobby in Szene gesetzt werden. Trotz ihrer Weitläufigkeit strahlen die verschiedenen, um die Lobby gruppierten Räume eine entspannte Ungezwungenheit aus und gehen nahtlos ineinander über. Ein besonderes Highlight ist der verglaste Wintergarten, der direkt an die Lobby an­­grenzt. Dieser besondere Raum war ehemals das «Stiefelzimmer», in dem Besucher nach dem Schlittschuhlaufen auf dem Kurpark ihre Schlittschuhe ausgezogen haben. Heute wurde der Wintergarten als Ort für einen Morgenkaffee oder Nachmittagstee neu erfunden.



Die Veranstaltungsräume

Das Cattani Restaurant und der Veranstaltungsbereich sind durch den Wintergarten und über den Kursaal durch eine weitläufige Treppe verbunden, die einem Grandhotel alle Ehre macht. Die vor Ort aus rekonstituiertem Stein gefertigten Balustraden sind mit Holz ausgekleidet, mit Details und Textur als Reminiszenz an die eindrucksvolle Gebirgslandschaft. Leuchtend weisse Terrazzoböden mit de­­korativer Messingeinlage ziehen sich durch diese neuen Räume und verbinden traditionelles Handwerk mit moderner Sensibilität.




Das Cattani Restaurant

Das «Cattani» offenbart seine ganz eigene zeitgenössische Pracht mit hohen Decken und doppelt hohen Fenstern, die einen wunderbaren Blick auf die Berge ermöglichen. Das sich ständig verändernde Licht der Alpen spiegelt sich in den Marmor­wänden und weitläufigen Spiegeln wider. Ein grossartiger, zeitgenössischer und massangefertigter moderner Kronleuchter ist das Herzstück des Restaurants.




Das Kempinski The Spa

Im obersten Stock des Hotels, abseits der Hektik des Alltags, befindet sich eine Rückzugsoase, die stringent Elemente der Berglandschaft aufgreift. Stein – glatt wie Kieselstein oder grob gehauen – im Kontrast mit grafischen Holzlinien, eckigen Ebenen oder geometrischen Mustern. Inspiration von der Berglandschaft – kühn und abstrakt, aber immer im Einklang mit der unvergleichlichen Aussicht. Sauna und Dampfbad setzen die Hauptthemen fort, aber der Ruheraum ist eine besonders charmante Umsetzung des modernen «Berghüttengeistes», mit einem Salzkristallkamin im Zentrum des Raums.




Zimmer und Suiten

Die Zimmer und Suiten zeichnen sich durch eine warme Atmosphäre mit Materialien wie gebürsteter Eiche und luxu­riösem hellbraunen Leder aus. Der Schlafbereich ist mit Holzpaneelen eingefasst, die sich bis zu den Parkettböden erstrecken – für Luxus und Gemütlichkeit. «Sanfte Grün- und Blautöne sorgen für ein Gefühl von Bergfrische», so die Designer. Verschiedene Texturen werden spielerisch kombiniert – ob gezackt und genäht, ge­­webt und gequiltet. Das Badezimmer mit seinen zurückhaltenden Steinstrukturen und Weisstönen, die mit Schiefergrau harmonieren, ist eine ganz private Wellnessoase. Die Schlafzimmer im neuen Flügel und im Belle-Epoque-Teil des Hotels haben die gleiche Farb- und Materialpalette, aber jedes hat seinen ganz eigenen Charakter. Viele der neuen Zimmer verfügen zudem über Balkone.



Architekt A. Cattani (1846 bis 1921)

Arnold Cattani (1846 bis 1921) gehört der bekannten Engelberger ­Hoteliersfamilie Cattani an, in deren Besitz u.a. das Hotel Engel bei der Engelberger Klosterkirche war. Als junger Architekt hatte er das Glück, unter Professor Gottfried Semper (1803 bis 1879) in Dresden, Wien und später auch in Zürich seine berufliche Ausbildung zu vollenden. Er gilt heute als der einzige Semper-Schüler, der sich unter anderem dem Hotelbau widmete.


Die Geschichte

Begonnen hat die Hotelgeschichte des heutigen Kempinski Palace Engelberg im Frühjahr 1890, als der damalige Kantonsrat Eduard Cattani (1841 bis 1908) dem Benediktinerkloster Engelberg ein Stück Land abkaufte. An den 1898 getätigten Anschluss des Bergdorfs an das Eisenbahnnetz – damals die längste elektrische Bahnstrecke der Schweiz – folgte im selben Jahr die Eröffnung der Kuranstalt durch den zu diesem Zeitpunkt erfolgreichen Engelberger Hotelier Eduard Cattani. Diese bildete den Ausgangspunkt einer langjährigen ­Hotel­tradition in Engelberg. Und schon bald war der viertelkreisförmige Bau als «Klein-Versailles» in aller Munde.


Da sich die Kuranstalt in Zeiten des sich entfaltenden Wintertourismus jedoch nicht beheizen liess, beauftragte Cattani ­seinen Bruder, den international anerkannten Hotelarchitekten Arnold Cattani (1846 bis 1921), mit dem Bau des Grandhotel Winterhaus – später besser bekannt als Hotel Europäischer Hof, dessen Eröffnung 1904 erfolgte. Bereits zwei Jahre zuvor, 1902, wurde im Zwischenraum der beiden Hotels der heutige Kursaal als Festsaal gebaut. Die Kuranstalt und das Grandhotel Winterhaus waren als die luxuriösesten Gästehäuser von ­Engelberg bekannt, mit einer weit über die Grenzen der Schweiz hinausgehenden exzellenten Reputation.


1953 erfolgte die Schliessung der Kuranstalt, der Europäische Hof wurde jedoch weiter betrieben. 1990 wurde dieser einer Aussenrestaurierung unterzogen und erfuhr zwischen 1970 und 1980 zwei grössere Neuerungen im Bereich der ­Hotelzimmer. Ansonsten ist das Gebäude bis heute weitgehend im Original belassen. Die Engelberger Bauten, ­darunter der ­Kursaal, das Hotel Europäischer Hof sowie auch der ­

Musik­pavillon im benachbarten Kurpark, sind als Kulturobjekte klassifiziert und folglich denkmalgeschützt.

Kempinski-Hotels

Gegründet 1897, ist Kempinski die älteste Luxushotelgruppe Europas. Kempinski betreibt derzeit 78 Fünf-Sterne-Hotels und Residenzen in 34 Ländern und erweitert sein ­Port­folio in der Zukunft mit neuen Hotels in Europa, im Mittleren Osten, Afrika, Asien und Amerika. In der Schweiz betreibt Kempinski, neben Engelberg, aktuell ein Hotel in St. Moritz.



Zurück zu den Artikeln

Hinterlasse einen Kommentar