Essen und lachen mit Musen und Grazien


Essen ist eine menschliche Notwendigkeit. «Dem Körper die Ehre geben», nannte der Philosoph Immanuel Kant (1724–1804) ein gutes Essen. Zudem war es für ihn ein Vehikel für das Gute der Gesellschaft. Damals, noch völlig frei von jeglicher Gender-­Debatte, machte er sich Gedanken darüber, wie eine gute Tischgesellschaft von Männern auszusehen hatte. Entscheidend für ihr Gelingen, so meinte er, sei die Grösse der Runde.

Kant begnügte sich jedoch nicht damit, plump eine Zahl für die ideale Grösse zu nennen. Ganz Philosoph, komponierte er eine eigene Formel für das ideale Zusammensitzen bei Tisch: Es sollten sich Männer versammeln «nicht unter der Zahl der Grazien und auch nicht über die der Musen». Grazien und Musen, ausschliesslich mythologische Frauengestalten, die den Männern ihren Platz am Tisch definierten.

Und nun? Wissen Sie, wie viele Personen so gemäss Kant idealerweise am gesellschaftlichen Essenstisch zusammenkommen sollen? Ehrlich, ich musste das Lexikon konsultieren.


Grazien gibt es drei: Euphrosyne (die Frohsinnige), Aglaia (die Strahlende) und Thalia (die Blühende). Die Musen waren die neun Töchter des griechischen Chef-Gottes Zeus: Kalliope (Hauptmuse, Mutter von Orpheus, epische Poesie, heroische Dichtung, Saitenspiel, Rhetorik, Philosophie), Erato (erotische Poesie und Musik), Euterpe (Flötenspiel), Klio (Geschichte), Melpomene (Gesang, die Singende), Polyhymnia (Tanz, Geometrie, Lyraspiel; böse Zungen behaupten, sie sei die Muse der Männerchöre), Terpsichore (Tanz, die Tanzfrohe), Thalia (Komödie, die Blühende), Urania (Astronomie).


Neben der passenden Grösse der Tafelrunde – minimal drei und maximal neun Personen – untersuchte Kant auch den Ablauf von Männer-Tischgesellschaften. Er fand heraus, dass diese in drei Phasen vonstattengehe. In der ersten Phase, bei der «Befriedigung des ersten Appetits», werden die Neuigkeiten erzählt. Ihr folgt die Phase des «Raisonierens». Nach dem «Vernünfteln» folge abschliessend das «blosse Spiel des Witzes». So ende das Essen in gutmütigem Lachen. Das Lachen der dritten Phase leitet zugleich die Zeit nach dem Mahl ein. Denn «Erschütterungen von Zwerchfell und Eingeweiden sollen der Verdauung recht zuträglich sein». Wo er recht hat, da hat er recht.

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