Diversität – auch ein wirtschaftliches Thema

«Unterwegs» ist das neue Buch von Martin Nydegger, Direktor Schweiz Tourismus und Hansueli Müller, emeritierter Professor für Volkswirtschaft, zu Perspektiven des Tourismus. Hier lesen Sie einen gekürzten Auszug zum Thema Diversität. Dazu führten die beiden Autoren ein Gespräch mit Janine Bunte, CEO Schweizer Jugendherbergen. 



Diversität in Teams wird oft genderspezifisch interpretiert. Das ist unbestrittenermassen sehr wichtig, doch wird damit das er­­folgversprechende Potenzial einer mehr­dimensionalen, heterogenen Teamkon­stellation eingeschränkt. «Nicht bloss die Geschlechter, sondern die Mindsets, ja die Seelen sollten sich unterscheiden», meint Martin Nydegger. Diversität um-fasst unter anderem Merkmale wie Alter, sexuelle Orientierung oder Weltanschauungen.

Das Diversity-Management in einem Be­­trieb sollte breit verstanden werden und sich mit allen Dimensionen der Diversität befassen wie die Gleichstellung – jede ­Person hat, unabhängig von sozialen Faktoren, den Zugang zu den gleichen Möglichkeiten. Durch Diversität entsteht eine wirtschaftlich wünschbare Vielfalt. Die wichtigsten Vorteile sind die Steigerung der Performance, die einfachere Gewinnung von Mitarbeitenden und deren stärkeres Engagement.

Für Janine Bunte ist Diversität ein sehr wichtiges Thema. Bei den Schweizer Ju­­gendherbergen habe die Diversität der Teams einen grossen Stellenwert. Dabei werde Diversität breit verstanden und nicht nur auf das Geschlechterthema reduziert. Zwar könne man nie alle Facetten abdecken, aber man sollte im Führungsteam beides pflegen: hohe Kompetenzen und eine möglichst diverse Zusammensetzung. 

Wirtschaftliches Handeln ist ­Teamsport
Es sei herausfordernd, ein divers zusammengesetztes Team zu führen, meint Janine Bunte. «Im Team zu performen, ist mir sehr wichtig. Wenn man merkt, dass die Teamstabilität häufig unter einem destruktiven Störfaktor leidet, dann muss man als Führungsperson korrigierend einwirken. Ökonomisches Handeln ist Team-, nicht Individualsport.» Das sei spannend, meint Hansruedi Müller, denn es sei nicht einfach, zwischen Störfaktoren und An­­dersdenkenden zu unterscheiden: «Im­mer wieder ist ein Gleichgewicht zwischen dem Einbezug von unterschiedlichen Ansichten und einem gemeinsamen Team­spirit zu finden.»

Er habe gemerkt, dass das Sich-Umgeben mit Andersdenkenden ein sehr wertvol-
ler, aber auch anspruchsvoller Weg sei, meint Martin N. «Bei jeder Vakanz in der Geschäftsleitung frage ich mich: Welche zusätzlichen Weltanschauungen, Hintergründe oder Erfahrungen tun unserem Team gut?» Immer wieder versuche er, neue Sichtweisen ins Team hereinzuholen.

Gleichstellung im Tourismus
Janine B. präsidiert den neu gegründeten Verein Equality4Tourism. Ziel sei die Förderung der Gleichstellung im Tourismus. Vorerst möchte man eine gute Datenbasis aufbereiten, denn in der Gleichstellung werde viel zu oft aufgrund von Ideologien und vagen Einschätzungen debattiert. «Wir möchten einerseits datenbasiert wissen, wo wir wirklich stehen, und andererseits Ansatzpunkte zur Verbesserung der Gleichstellung herausarbeiten und breit disku­tieren. Noch stehen wir ganz am Anfang unserer Bestrebungen.» 

Fazit: Diversität verlangt konkrete Ziele
Eine breite Diversität am Arbeitsplatz ist nicht nur ein Gebot der Stunde, sondern bietet viele Vorteile wie Steigerung der Performance, die einfachere Gewinnung von Mitarbeitenden und deren stärkeres En­­gagement. Diversität erfordert konkrete Zielsetzungen. Um sie zu erreichen, müssen sie bewusst gemanagt und gemessen werden. Ein Factsheet zum Diversity-Management hilft dabei. Bei jeder Vakanz ist die Frage zu stellen, welche zusätzlichen Weltanschauungen, Hintergründe, Erfahrungen dem Team guttun würden. Dabei greife die reine Frau-Mann-Thematik zu kurz, denn es gehe einerseits darum, einen guten Mix zwischen weichen, emotionalen, eher «weiblichen» und harten, analytischen, eher «männlichen» Faktoren im Team zu vereinen, andererseits den Blickwinkel mit Andersdenkenden zu er­­weitern, meint Janine Bunte. Dazu braucht es Rahmenbedingungen, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen, aber auch die Integration von Menschen mit Beeinträchtigung begünstigen. Wichtige Voraussetzung für eine breite Diversität sind konkurrenzfähige Löhne, um für ein bestimmtes Anforderungsprofil genügend Bewerbungen zu erhalten. Bei all den Diversitätsanstrengungen ist jedoch darauf zu achten, nicht die bestqualifizierte Person zu verpassen. 

100 Jahre Schweizer ­Jugendherbergen
Am 28. April 1924 gründeten Vertreter von Jugendverbänden im Mädchenklub Gartenhof in Zürich die Zürcherische Genossenschaft zur Errichtung von Jugendherbergen. Auch Wenigverdiener sollten in der Freizeit unterwegs sein und preiswert nächtigen können. Bald vernetzte sich die Organisation national und nannte sich fortan Schweizer Jugendherbergen. Die anfänglichen 7000 Übernachtungen wurden schon 1940 auf 135 000 gesteigert. Heute hat der Verein 70 000 Mitglieder, betreibt Jugendherbergen an 49 Standorten und generiert jährlich über 750 000 Logiernächte. 


Janine Bunte
Ist seit 2019 CEO der Schweizer Jugendherbergen und seit 2023 ­Präsidentin von Equality4Tourism 

 

Zurück zu den Artikeln

Hinterlasse einen Kommentar