Markus Lichtenstein ist der Weinhändler, der Keine Weine verkauft. Der bei allem auf den Genuss setzt. Der für den Genuss bereit ist, auf ein paar Monate länger leben zu verzichten, der aber der Überzeugung ist, dass Genuss nicht vom Alkoholgehalt abhängt.
Interview Hilmar Gernet
Smith and Smith, so heisst Ihr Unternehmen, das sich in vielfältigster Weise mit Wein befasst. Wer ist dieser Smith?
Markus Lichtenstein: Smith ist bewusst offen gedacht. Nicht elitär, nicht abschreckend. Hinter dem Namen stehen heute viele Menschen, Ideen und Formen von Genuss. Am Anfang war es die Idee von zwei Gründungspartnern, heute tragen viele Mitarbeitende und Partner diese Haltung mit.
Wodurch unterscheidet sich Smith and Smith von traditionellen Weinhandlungen?Wir haben einen klaren Wertekompass. Authentizität, Nachhaltigkeit, Menschlichkeit und Genuss sind uns wichtig – aber ohne Dogmatismus. Genuss ist vielfältig. Unser Fokus liegt auf dem Menschen und dem Erlebnis, nicht nur auf dem Produkt. Dabei fragen wir uns immer wieder, was Echtheit beim Wein überhaupt bedeutet. Authentisch sind für uns Weine, die eine Haltung und Herkunft haben und zu unserem Verständnis von Kultur und Genuss passen.
Die Firmengeschichte klingt fast wie eine rebellische Biografie. Macht es Ihnen Spass, mit der klassischen Weinkultur zu brechen?
Wir machen vor allem das, was uns Freude bereitet und was sich für uns richtig anfühlt. Als wir gestartet sind, wurde die Weinwelt oft sehr klassisch und technisch erklärt. Wir wollten Wein emotionaler, kultureller und zugänglicher denken.
Was war 2013 ihre Motivation, Smith and Smith zu gründen?
Ich hatte schon lange und auf verschiedene Arten mit Wein gearbeitet. Aber ich wollte Wein auf meine eigene Weise vermitteln. Die grösste Herausforderung war am Anfang, Vertrauen aufzubauen – bei den Winzern genauso wie bei den Kunden. Smith and Smith war für mich ein sehr persönliches und existenzielles Projekt. Dafür musste ich viel riskieren. Gleichzeitig ist Weinhändler für mich bis heute einer der schönsten Berufe überhaupt.
Smith and Smith ist also kein klassischer Weinhandel, eher eine Art kulturelle Bewegung?
Das wäre vielleicht etwas zu gross formuliert. Aber wir sind sicher breiter aufgestellt als ein klassischer Weinhandel. Wir arbeiten mit vielen unterschiedlichen Menschen, Ideen und Projekten zusammen. Uns interessiert das Miteinander – mit Kunden, Produzenten und Mitarbeitenden.
In Ihrer Weinhandlung verkaufen Sie unter anderem Produkte oder Konzepte unter dem Label Keine Weine. Was soll das?
Keine Weine ist unser Label für alkoholfreie Getränke. Entstanden ist die Idee aus der Überzeugung, dass Genuss nicht vom Alkoholgehalt abhängt. Uns interessiert nicht ein Dogma, sondern Qualität und Erlebnis. Im Namen steckt natürlich auch ein kleines Augenzwinkern.
Keine Weine also als Ausdruck einer neuen Genusskultur mit einer ironischen Note?
Ja, absolut. Genuss ist heute vielfältiger geworden. Uns geht es darum, alkoholfreie Getränke anzubieten, die genauso spannend und hochwertig sind wie Wein.
Genuss ohne Alkohol, das ist nicht wirklich neu.
Richtig, aber das Bewusstsein dafür hat sich stark verändert. Viele Menschen trinken heute bewusster oder weniger Alkohol. Gleichzeitig ist Genuss weiterhin wichtig. Für uns gehört dazu auch die soziale Dimension: gemeinsam essen, trinken und Zeit verbringen.
Die WHO warnt davor, dass bereits geringe Mengen Alkohol das Krebsrisiko erhöhen können. Wie gehen Sie als Weinunternehmer mit dieser Botschaft um?Natürlich muss man gesundheitliche Risiken ernst nehmen. Gleichzeitig gehört Genuss für viele Menschen zur Lebensqualität. Entscheidend ist für uns der bewusste und massvolle Konsum. Wir glauben nicht an Extreme, sondern an Verantwortung und Genusskultur.
Trotzdem, hat die Branche die Gesundheits-Debatte unterschätzt?
Ja, wahrscheinlich schon. Die gesellschaftlichen Werte haben sich verändert, und darauf musste auch die Weinbranche reagieren. Heute erwarten viele Menschen bewussteren Konsum und mehr Transparenz.
Gegen die Aussage der WHO formierte sich die Organisation Gaudium Schweiz. Die traditionellen Genussbranchen machen sich stark für «Genuss mit Verantwortung». Machen Sie mit?
Grundsätzlich unterstützen wir jede Haltung, die für bewussten und verantwortungsvollen Genuss einsteht. Die Zeiten von Masslosigkeit sind vorbei. Gleichzeitig entstehen gerade im alkoholfreien Bereich unglaublich viele kreative Ideen und spannende neue Produkte.
Bewegen wir uns mit den jüngeren Generationen langsam auf eine alkoholfreie Gesellschaft zu?
Das ist schwer vorauszusagen. Sicher ist, dass jüngere Generationen bewusster konsumieren und stärker auf die Gesundheit achten. Gleichzeitig bleibt Genuss ein menschliches Grundbedürfnis. Ich hoffe, dass wir uns dabei Offenheit und Lebensfreude bewahren.
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Welchen Wein öffnen Sie privat? Trinken Sie als Weinkenner und -geniesser auch ein Getränk, das sie nur heimlich trinken? |
