Erfolg nimmt die Treppe, nicht den Lift

Erfolg nimmt die Treppe, nicht den Lift

Michel Wichman ist ein produktiver Hotelier. Mit seinem Unternehmen Wichman Horeca betreibt er seit 13 Jahren das Hotel Spitzhorn in Saanen-Gstaad. Es ist eines der besten 3-Sterne-Ferien-Hotels der Schweiz. In seinem Buch «Die radikale Wahrheit über Erfolg» vertritt der Gastgeber, Unternehmer und Investor die These, dass Erfolg nichts mit Geld, dafür viel mit Haltung zu tun hat.

Interview mit Hilmar Gernet

Gab es einen konkreten Anlass für Sie, das Buch zu schreiben?
Michel Wichman: Ein Buch wie meines, entsteht in der Regel nicht aus einem einzelnen Anlass, sondern aus der Summe von Erfahrungen, Beobachtungen und wiederkehrenden Fehlannahmen über Erfolg. Der Kern der Motivation ist ein sachlicher: Viele junge Menschen haben den Wunsch, erfolgreich zu sein, verfügen aber nicht über eine klare Vorstellung davon, wie dieser Weg tatsächlich aussieht. Gleichzeitig existiert die verbreitete Annahme, dass Erfolg automatisch zu Zufriedenheit führt. Die praktische Erfahrung zeigt jedoch das Gegenteil: Erfolg kann Prozesse erleichtern, führt aber nicht zwangsläufig zu persönlicher Stabilität oder Zufriedenheit. Das Buch richtet sich daher primär an junge Menschen – auch im Sinne der eigenen nächsten Generation. Es soll Orientierung geben, ohne zu idealisieren. Insbesondere korrigiert es moderne Fehlbilder, etwa die Vorstellung, dass Sichtbarkeit in sozialen Medien ein verlässlicher Indikator für Fortschritt oder Lebensqualität ist.

Ein wesentliches Element Ihrer Erfahrung und Philosophie ist, dass Erfolg und Arbeit zusammenhängen. Ohne Arbeit geht es nicht?
Zentral ist eine grundlegende Verschiebung der Perspektive: Nicht das Ziel ist entscheidend, sondern der Weg dorthin. Die verbreitete Logik «Ziel – Erfolg – Glück» greift zu kurz. Tatsächlich entsteht Zufriedenheit im Prozess selbst – durch konsequentes Arbeiten, durch Ausdauer, durch das Tun von Dingen, die man versteht und bewusst verfolgt. Erfolg ist dabei ein Nebenprodukt, kein verlässlicher Endzustand. Das Leben besteht nicht aus einzelnen Etappen von Ziel zu Ziel. Eine solche Sichtweise erzeugt permanente Unruhe, weil jedes erreichte Ziel sofort durch ein neues ersetzt wird. Stabilität entsteht stattdessen durch Kontinuität im Handeln. Ein passendes Bild ist der Unterschied zwischen Treppe und Lift: Im Leben nimmt man die Treppe, nicht den Lift. Der Lift bringt einen schnell nach oben, aber ebenso schnell wieder nach unten. Die Treppe hingegen steht für Entwicklung – Schritt für Schritt. Der eigentliche Wert liegt im Aufstieg selbst. Diese Denkweise entspricht auch einer klassischen Einsicht, die oft Buddha zugeschrieben wird: Der Weg ist das Ziel. In einer sachlichen Interpretation heisst das: nicht Spiritualität, sondern Prozessfokus.

Sie sind ein vielbeschäftigter Hotelier, Gastgeber und Unternehmer. Wie haben Sie es da noch geschafft, ein Buch zu realisieren?
Das Buch entstand in enger Zusammenarbeit mit Florian Höper als Ghostwriter. Der eigentliche Schreibprozess erfolgte überwiegend indirekt durch Gespräche, Telefonate und persönliche Treffen. Viele Inhalte basieren auf ausführlichen mündlichen Erzählungen, die strukturiert, hinterfragt und gemeinsam verdichtet wurden. Die Inhalte wurden also mündlich erarbeitet und anschliessend schriftlich aufbereitet. Ergänzend dazu gab es regelmässigen Austausch mit seinem erweiterten Team als Sparringspartner. Auch mit dem Verlag wurde das Manuskript mehrfach besprochen, überarbeitet und weiterentwickelt. Die benötigte Zeit habe ich mir bewusst genommen. Grundlage dafür war mir der generelle Fokus auf Qualität statt Quantität. Durch gezielte Auswahl und Strukturierung von Aufgaben entsteht Freiraum für solche Projekte. Dieses Prinzip gilt bei mir generell auch im persönlichen Bereich. Zeit verstehe ich nicht quantitativ, sondern ich nutze sie qualitativ – beispielsweise im Umgang mit dem eigenen Sohn. Wenn Zeit investiert wird, dann mit voller Präsenz.

Michel Wichman, Hotel Spitzhorn, Hotelier und Unternehmer, fasst seine vielfältigen Lebenserfahrungen in (k)einem Ratgeber-Buch zusammen.

 

Wie muss ich mir diesen inhaltlichen Prozess konkret vorstellen?
Das Manuskript wurde mit verschiedenen Personen aus dem persönlichen Umfeld diskutiert und geprüft. Darunter waren ein befreundeter Zürcher Wirtschaftsanwalt, ebenfalls aus Zürich ein ehemaliger Profifussballer sowie enge Vertraute. Dieser Austausch war mir wichtig und diente der inhaltlichen Schärfung. Zudem gab es mehrere Gegenleser. Dabei war das Ziel die Verständlichkeit, die Relevanz und die Stringenz aus verschiedenen Perspektiven zu prüfen. Der Schreibprozess hatte zusätzlich einen analytischen Effekt: Ich musste mich mit meinem eigenen Lebenslauf strukturiert auseinandersetzen, inklusive Höhen und Tiefen. Dabei entstand Klarheit über eigene Entscheidungslogiken und Handlungsweisen. In diesem Sinne hatte der Prozess einen funktionalen, teilweise auch klärenden Charakter.

Gab es in der Entstehungszeit des Buches kritische Phasen?
Zu Beginn bestand eine gewisse Skepsis gegenüber dem Projekt. Mit zunehmender inhaltlicher Tiefe entwickelte sich jedoch eine steigende Überzeugung. Einen konkreten Gedanken, das Projekt abzubrechen, gab es später nicht mehr. Vielmehr nahm die Motivation im Prozess zu.

Wer ist das Zielpublikum Ihres Buches?
Nicht alle. Sich an alle wenden zu wollen, genau das ist der erste Irrtum vieler Bücher über Erfolg. Mein Zielpublikum sind Menschen, die spüren, so wie ich lebe, ist es eigentlich zu wenig für das, was in mir möglich wäre. Also keine Zuschauer, sondern Suchende. Keine Opfer ihrer Umstände, sondern Menschen, die bereit sind, sich selbst infrage zu stellen. Wer nur Bestätigung sucht, wird enttäuscht. Wer Entwicklung sucht, wird herausgefordert.

Welche Rolle spielt der Plot: Vom Tellerwäscher zum Hotelier mit Porsche?
Er ist kein Märchen. Kein Werbeversprechen. Er ist eine Projektionsfläche. Menschen brauchen Geschichten, um sich selbst zu erlauben, zu träumen. Der Porsche ist dabei nie das Ziel. Er ist ein Symbol für Freiheit, Selbstwirksamkeit, Gestaltungskraft. Aber: Wer den Porsche ernst nimmt, hat den Plot nicht verstanden. Der eigentliche Plot ist: Vom fremdgesteuerten Leben zum selbstverantworteten Leben.

Sie haben mir verraten, dass der Titel ursprünglich «Zurück zur Normalität» hiess. Wie konnte der Verlag Sie vom neuen Titel überzeugen?
«Zurück zur Normalität» klingt beruhigend, aber auch rückwärtsgewandt. Denn zurückzugehen bedeutet oft: stehen bleiben. Wir leben nicht im Gestern – wir leben hier und heute. Der neue Titel ist bewusst klarer und offener. Er lädt ein, statt einzuschläfern. Er spricht etwas an, wo-nach Menschen wirklich suchen: Erfolg. Doch Erfolg ist nicht für alle gleich. Für jeden Menschen bedeutet er etwas anderes. Gerade deshalb braucht es keinen Titel, der in die Vergangenheit zeigt, sondern einen, der nach vorne öffnet. Einen, der Fragen stellt. Der Reibung erzeugt. Der zum Nachdenken zwingt. Denn Entwicklung beginnt nicht in der Komfortzone – sondern dort, wo etwas in dir in Bewegung kommt. Genau das soll der Titel auslösen.

Die Key-Wörter im Titel – radikal, Wahrheit, Erfolg – bezeugen Ihr Selbst- und Sendungsbewusstsein. Wähnen Sie sich im Besitz der Wahrheit?
Die Botschaft des Buches in einem Satz heisst: Du bist nicht hier, um angepasst zu funktionieren, sondern um dich selbst bewusst zu verwirklichen. Das bedeutet nicht Ego-Optimierung, sondern Bewusstwerdung: zu erkennen, wer du wirklich bist – und danach zu leben. Gerade für junge Menschen beginnt dieser Weg nicht irgendwann, sondern ganz früh – im Alltag, in den kleinen Dingen. Zum Beispiel auf dem Weg zur Schule: Du gehst Schritt für Schritt. Du bleibst dran, auch wenn es regnet. Du lernst Ausdauer. Du lernst Disziplin. Du lernst innere Stärke. All diese Tugenden entstehen nicht am Ziel, sondern auf dem Weg. Erfolg hat nichts mit Geld zu tun. Nicht mit grossen Autos, Häusern oder teuren Uhren. Erfolg entsteht, wenn du etwas mit Hingabe gut machst und dabei immer mehr zu dir selbst wirst. Dann folgt Erfolg nicht als Ziel, sondern als Konsequenz.

Michel Wichman,
Die radikale Wahrheit über Erfolg,
2026, Remote Verlag

«Erfolg ist ein Nebenprodukt innerer Klarheit»

Was ist Erfolg?
Das ist eine unbequeme Frage. Erfolg ist nicht Besitz, Status oder Applaus. Erfolg ist die Übereinstimmung zwischen deinem inneren Potential und dem Leben, das du wirklich lebst. Erfolg bedeutet auch, Freude an dem zu haben, was du tust. Nicht nur das Ziel zählt – sondern der Weg dorthin. Wer nur für den Höhepunkt lebt, spürt danach oft Leere, weil die Richtung fehlt, wenn das Ziel erreicht ist. Erfolg wird erst dann erfüllend, wenn er nicht dein Wert ist, sondern ein Ausdruck davon, wer du bist. Dann bist du nicht erst am Ende erfolgreich – sondern in jedem Schritt auf deinem Weg.

Wie wird man erfolgreich?
Der grösste Denkfehler ist die Idee: «Ich erreiche Erfolg – und dann bin ich erfüllt.» In der Realität ist es oft genau umgekehrt. Erfolg ist kein Beweis von Richtigkeit. Er ist ein Nebenprodukt von innerer Klarheit, Konsequenz und gelebter Wahrheit im eigenen Handeln – nicht im Besitz einer Wahrheit, sondern im Leben einer Haltung. Erfolgreich wird man nicht durch mehr tun, sondern durch anders sein. Echter Erfolg entsteht aus dem Mut, authentisch zu sein. Das bedeutet im Einklang mit sich selbst zu leben. So zu handeln, wie du wirklich bist – nicht wie du glaubst, sein zu müssen.

Was ist (nicht) erlaubt, um Erfolg zu haben?
Die entscheidendere Frage ist: «Kann ich damit leben?» Erfolg ist kein moralisches Regelwerk, aber Integrität ist nicht verhandelbar. «Verboten» im klassischen Sinn ist alles, was dich innerlich zerstört: Selbstbetrug, Handeln aus Angst – wenn du gegen dich selbst arbeitest, dich von Erwartungen oder Druck steuern lässt. Der Preis ist immer derselbe: Du verlierst den Kontakt zu dir selbst. Alles andere ist keine Frage von «Erlaubnis», sondern von Konsequenz: Welche Folgen hat dein Handeln? Bist du bereit, diese bewusst zu tragen? Wahrer Erfolg entsteht dort, wo du gewinnst, ohne dich selbst zu verlieren.

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