Gastfreundschaft kennt keine Industrienorm

Gastfreundschaft kennt keine Industrienorm

Menschlichkeit statt Gleichförmigkeit bringen Gastfreundschaft zum ­Strahlen, das erlebe ich immer wieder in meinen Hoteltests. Ein gutes Zeichen.

First things first: Ich freue mich sehr und es bestätigt unsere Arbeit, dass HotellerieSuisse, der Verband der Beherbergungsbetriebe der Schweiz, sich als Patronatspartner für und beim Andrin Willi Hotelrating Schweiz engagiert. Eine sinnvolle Partnerschaft, denn wir verfolgen dieselben Ziele: die Stärkung des Reise­landes Schweiz. Ferner stützen wir uns in allen Kategorien auf die professionellste Hotel­klassifikation der Welt. Hard Facts. Für unser Hotelrating sind neben Zahlen und Sternen aber auch die Softfaktoren entscheidend und genau darüber habe ich mir das ganze Jahr über Gedanken gemacht. Ich war und bin viel unterwegs und als ich neulich zu Hause eingecheckt habe, bat mich meine Frau um meine ID. Ja, Hotel­tester zu sein, kann in den eigenen vier Wänden Komplikationen hervorrufen. Wo ist die Minibar? Pardon. 

So oder so aber treibt mich die Frage um, was im Kopf oder im Bauchgefühl zurückbleibt, nachdem ich ein schönes Hotel verlassen habe. Diese Frage ist zur Seele des Andrin Willi Hotelrating Schweiz geworden. Denn das, was wir zu messen versuchen – oder zumindest versuchen, einzufangen –, ist der Moment, in dem Luxus menschlich wird. Seien wir ehrlich: Die Welt braucht keine goldenen Armaturen und auch keine Hotelrankings. Nicht einmal ein Original wie das unsrige – das im nächsten Jahr sein 30-jähriges Jubiläum feiert. Hotels werden heutzutage inflationär ausge­wertet und ausgezeichnet, der Dschungel wuchert und sogar Algorithmen schmücken sich damit, Emotionen messen zu können. Schon gut. Aber mein Ziel ist ein anderes. Klar möchten wir «die Besten» in allen Kategorien prämieren, aber wichtiger ist mir, herauszufinden, welches Hotel mich nachhaltig bewegt. Es geht mir darum, Exzellenz sichtbar zu machen – und Emotionen messbar. Ich habe im Hintergrund einiges verändert – ein achtköpfiges Team aufgebaut, unzählige Gespräche in der Branche geführt und ein dynamisches Bewertungssystem entwickelt. Es um­­fasst 100,5 Punkte. Der halbe Punkt erinnert daran, dass Perfektion nicht existiert. Mag sein, dass sie in der Imperfektion liegt, weil Brüche spannend und Stromlinien langweilig sind.

In einem Hotel bleibt zum Glück immer Raum für ­Charakter. Uniformität mag skalierbar, effizient und planbar sein, aber Charakter, also Ecken und Kanten, sind gross. Charakter entsteht jedoch erst, wenn Mitarbeitende die «Freiheit» geniessen, Gastgeberinnen und Gastgeber sein zu dürfen, wenn sie die vorgeschriebenen Pfade und Prozeduren verlassen können. Wir haben die Bewertung von Hotels in sieben Dimensionen eingeteilt und jede von ihnen erzählt eine Geschichte:

– Investitionen und Innovationen: Ja, jede Vision hat ein Preisschild.
– Zustand des Hauses: Sorgfalt ist sichtbar, gerade hinter den Kulissen.
– Gastfreundschaft: Für freundschaftliche Improvisation und einen gelebten Spirit gibt es keine Regieanweisungen und auch kein Handbuch.
– Angebotsvielfalt: Ich finde es bereichernd, festzustellen, wie ein Haus zu unterschiedlichen Gästen spricht.
– Management: Ist die unsichtbare Betriebsanleitung hinter dem Leben im Hotel.
– F&B-Passion: Sie macht Geschmack zur Identität.
– Gesamteindruck: zentral, der emotionale Nachhall.

Dieser emotionale Nachhall treibt mich also um und ich habe verstanden, dass es mitunter kleine Gesten und Dinge sein können, die zeigen, was echte, leidenschaftliche und unmittelbare Gastfreundschaft be­­deutet. Für mich sind Hotels nicht nur Beherbergungsstätten für Menschen. Hotels schaffen Stimmungen. Darum feiert unser Rating nicht nur Exzellenz, sondern emotionale Resonanz. Aus meiner Perspektive ist die Zukunft im Schweizer Luxusmarkt nicht das erwartbar Erhabene – sondern das aussergewöhnlich Echte. Im Laufe der Zeit ist mir noch etwas aufge­fallen: In unserem Rating sind die Hotels mit den höchsten Bewertungen nicht jene, die einer Formel ­folgen, sondern jene, die ihre eigene Geschichte er­­zählen und an ihr weiterschreiben. Nur authentische Häuser können ein Zuhause für vielfältige Gäste ­werden. Es sind Hotels, in denen man den Mut hat, die eigene Handschrift kontinuierlich zu verfeinern. In Zeiten der globalen Gleichförmigkeit sind indivi­dualisierte Erlebnisse die neue, harte Währung im Luxussegment. 

Somit kann Gastfreundschaft keine systematisierbare Industrie sein. Für mich ist sie eine Choreografie der Fürsorge. Und die Profis, denen ich immer wieder begegne, führen sie mit Können, Eleganz und Seele auf. Davor ziehe ich meinen Hut. Auch und gerade 
weil ich weiss, dass die echte Bewertung eines Hotels im individuellen Erlebnis eines jeden Gastes liegt. Genau das feiert unser Hotelrating. Nicht nur Exzellenz – sondern Emotion. Nicht nur Perfektion – sondern Präsenz. Alle unsere Geschichten, Eindrücke und Emotionen des Jahres fügen sich dann am 18. Mai 2026 an der Buchpräsentation im «The Dolder Grand» in Zürich zusammen. An diesem Tag präsentieren wir zum 30. Mal die Resultate unseres Hotel­rating Schweiz und ich freue mich schon jetzt, weiterhin über das Gute zu reflektieren und kontinuierlich über das Bessere zu schreiben und es weitererzählen zu dürfen.

 

Andrin Willi freut sich, dass der Branchen­verband HotellerieSuisse neuer Patronatspartner des Hotelratings Schweiz wird. Es wird am 18. Mai 2026 zum 30. Mal präsentiert. 

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