Die Weinbranche steht vor der Herausforderung, trotz den Entwicklungen wirtschaftlich zu bleiben und im besten Falle Gegensteuer zu geben.
Text und Bild:
Marc Almert, ASI Best Sommelier of the World 2019, Geschäftsführer Baur au Lac Vins & Chef Sommelier Baur au Lac
Das Frühjahr ist in der Weinwelt die Zeit der Messen, Branchentreffs, Rankings und der statistischen Jahresrückblicke. Wie zu erwarten war, ist auch im Jahr 2025 der Weinkonsum in der Schweiz wieder zurückgegangen, und zwar um 3,3 Prozent. Dies geht einher mit dem globalen Trend. Die Weinbranche steht somit vor der Herausforderung, trotz dieser Entwicklung wirtschaftlich zu bleiben und im besten Falle Gegensteuer zu geben. Gefragt sind Kreativität, unternehmerischer Mut und das Stärken gelernter Qualitäten. Doch drei Erlebnis- se beim Besuch der diesjährigen Messen liessen mich zweifeln, ob wir den Titel dieser Kolumne beherzigen werden und uns der Turnaround gelingen wird.
Bubble verlassen
Der 2025er Jahrgang ist in vielen europäischen Weinbauländern qualitativ hervorragend und die Bewertungen sind entsprechend hoch. Höchst irritiert war ich jedoch über die Videos und Sprüche mancher international gefeierter Weinjournalisten. Sie behaupteten, das Erreichte würde genügen, um die Weinbranche aus der Krise zu ziehen.
Mit Verlaub, bis wir einen Konsumenten so weit haben, dass er sich mit den diffizilen Unterschieden einzelner Jahrgänge auseinandersetzt, ist er schon längst begeistert von Wein. Dringender ist es aktuell, flächendeckende Ansätze zu finden, um Nicht-Wein-Trinkende vom Wein zu begeistern. Die Frage ist, wie wir diese Gruppe niederschwellig, günstig und locker für dieses Kulturgetränk begeistern können. Wer einen kreativen Ansatz hierfür sehen möchte, sollte den Markenauftritt der kürzlich in der Schweiz lancierten Young Poets Weine studieren. Vielleicht liegt die fehlende Konsumentenorientierung ja daran, dass die Weinbranche sich viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt und zu wenig mit jenen ausserhalb der eigenen Bubble spricht, um deren Bedürfnisse, Wünsche und Vorlieben kennen zu lernen.
Revival der Ausgehkultur
Fast so inflationär wie KI wird aktuell die Gen Z besprochen, da sie nachweislich nur selten zum Weinglas greift. Bezeichnend für das Niveau dieser Auseinandersetzung war jüngst eine Podiumsdiskussion über die Gen Z, bei der der jüngste Teilnehmer 34-jährig war. Wie sollen wir diese Generation wirklich verstehen, wenn wir stets über aber viel zu selten mit ihr sprechen?! Um es in den Worten eines begabten Wein-Texters und Influencers zu sagen, dem Tausende junge Geniesserinnen und Weinfreunde folgen: «Warum spricht man nicht mal darüber, wie die Weinszene einer während der Covid-Zeit eingesperrten Generation wieder eine Ausgehkultur nahebringen könnte, und, dass Wein mehr ist als Alkohol?!»
Schwarm und Team
Tiefen Eindruck hinterliess hierzu ein Gespräch mit einer österreichischen Sektproduzentin, sprich mit jemandem, der eigentlich im Moment im Trend liegt (mit wenigen Ausnahmen steigt der jährliche Schaumweinkonsum in der Schweiz kontinuierlich). Diese Winzerin hatte sich über die grosse Initialbestellung eines Schweizer Importeurs gefreut. Wunderte sich dann aber, dass eine Nachbestellung ausblieb. Sie fragte nach, und hörte als Begründung: «Das Einkaufsteam findet die Weine toll. Das Verkaufsteam aber sieht kein Marktpotential und empfiehlt die Weine daher nicht den Kunden.» Ein praxisnahes Beispiel über die Vorteile von Schwarmintelligenz; es bringt nichts, wenn nur eine Abteilung ein neues Produkt oder einen neuen Ablauf fordert und das übrige Team die Sache jedoch begründet kritisch sieht und nicht aktiv mitgetragen wird. Interdisziplinärer Austausch ist bei solchen Themen der Schlüssel zum Erfolg.
Was lernen wir aus den geschilderten Impressionen? Es braucht Mut, Dialog mit allen Beteiligten und ein umfangreiches Bewusstsein für die Krise, in der unsere Branche steckt, um neue Lösungen zu finden, kreative Pfade einzuschlagen, und den Absatz endlich wieder zu fördern. Deshalb soll der Schlusssatz dem römischen Philosophen Seneca gehören: «Nicht, weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer!»
