«Wenn wir ein Resort entwickeln, dann beseelen wir den Ort»

«Wenn wir ein Resort entwickeln, dann beseelen wir den Ort»

«Unterwegs», das Buch von Martin Nydegger und Hansruedi Müller, zeigt Perspektiven für den Tourismus in der Schweiz auf. In der vorliegenden Hotelier-Ausgabe lesen sie eine gekürzte Fassung des Gesprächs mit Samih Sawiris, dem Pionier und Investor von Andermatt Swiss Alps. Er sinniert über Wachstum und Gier, die kein gutes unternehmerisches Prinzip ist.

Fakt ist: Wachstum ist die Grundlage unseres Wohlstands. Eine Gesellschaft ohne langfristiges Wirtschaftswachstum ist nur schwer vorstellbar. Wachstum geschieht nicht aus reinem Profitstreben oder Gier, sondern hat systemische Gründe. Nach ökonomischen Grundsätzen ist Wachstum entscheidend für den Fortschritt einer Volkswirtschaft. Aber kann Wachstum in einer endlichen Welt wirklich unendlich sein? Wer versucht, das bestehende System zu verlassen, wird schnell eingeholt oder überholt. In dieser Situation wächst die Sehnsucht nach intelligenten globalen Wirtschaftsplänen, um die negativen Folgen des aktuellen Systems zu überwinden. (…)

Die Wachstumsprognosen im Tourismus zeigen nach dem Pandemie-Knick 2020–2021 nur in eine Richtung: nach oben. (…) Diese Prognose macht deutlich: Das quantitative Wachstum stösst zunehmend an Grenzen. Wachstumskritische Stimmen nehmen zu: Gefährdung der Umwelt, Ausbeutung der Ressourcen, Klimawandel, Arbeitskräftemangel, Overtourismus und damit verbunden abnehmende Tourismusakzeptanz. [Aktuelle Anmerkung der Redaktion: Gegenwärtig und wohl noch länger anhaltend, dürften geopolitische Umwälzungen hervorgerufen durch Kriege und Krisen die Tourismusprognosen für verschiedene Weltregionen negativ beeinflussen.] Bereits 1986 haben Jost Krippendorf und Hansruedi Müller in «Alpsegen Alptraum» zu einer Tourismusentwicklung im Einklang mit Mensch und Natur aufgerufen und ein qualitatives Wachstum gefordert, also ein Wachstum, mit dem eine Verbesserung der Lebensqualität – das heisst des wirtschaftlichen Wohlstandes und des subjektiven Wohlbefindens – mit einem geringeren Einsatz an nicht vermehrbaren Ressourcen sowie abnehmenden Umweltbelastungen erzielt wird.

Um über Wachstum, die touristischen Perspektiven, aber auch das Dilemma zwischen Förderung und Bewahrung zu diskutieren, haben Hansruedi Müller und Martin Nydegger sich mit Samih Sawiris, dem ägyptisch-montenegrinischen Unternehmer und Investor getroffen, der in der Schweiz mit dem Tourismusprojekt Andermatt Swiss Alps bekannt wurde, getroffen.

 

Porträt Samih Sawiris

– Aufgewachsen in Kairo 
– Besuch der Deutschen Evangelischen Oberschule
– 1980 Abschluss als Diplomingenieur an der Technischen Universität Berlin
– 1989 Gründung der Orascom Development Holding AG (ODH)
– 2009 Spatenstich für das Tourismusprojekt
– Gründung der damaligen Andermatt Alpine Destination mit Sitz in Altdorf 
(heute Andermatt Swiss Alps) 
– 2009 «Unternehmer des Jahres», verliehen durch die Handelszeitung
– 2020 Ehrenbürger des Kantons Uri
– 2021 Übergabe der ODH an seinen Sohn Naguib Samih Sawiris

 

Wachstum – ein Schicksal des Systems
Herr Sawiris, Sie betreiben Ferienanlagen in zahlreichen Ländern dieser Welt. Wie schätzen Sie die globalen Perspektiven für den Tourismus nach dem Pandemie-Knick nachfrageseitig ein?
Samih Sawiris: Wachstum ist an der Tagesordnung, denn wir wachsen nicht freiwillig, sondern weil wir stark verflochten und verpflichtet sind, Jobs zu schaffen und zu erhalten. Wenn ich heute in Andermatt aufhören würde zu bauen, wären viele Arbeitsstellen gefährdet: im Baugewerbe, bei den Zulieferern und vielen anderen Dienstleistern in der Region. Der «Ministaat» Andermatt Swiss Alps braucht Wachstum, so wie auch die gesamte Schweiz ein vernünftiges Wachstum braucht. Machen wir ein Gedankenspiel: Man stelle sich vor, in einem Dekret würde bestimmt, dass in der Schweiz in den nächsten vier Jahren nichts mehr gebaut werden dürfe. Unvorstellbar, denn dann müssten unzählige Unternehmungen schliessen, Arbeitsplätze würden verschwinden, Steuereinnahmen fehlen und auch das Sozialversicherungssystem der Schweiz noch mehr strapaziert. Wachstum ist ein Schicksal des Systems, das wir auf dieser Erde geschaffen haben und mit dem wir während Jahrtausenden gelebt haben und weiterhin leben werden. Es hat uns Arbeit und Wohlstand gebracht. (…) Und niemand hat die Lösung, wie wir es schaffen würden, ohne Wachstum den Wohlstand zu erhalten. Bei mehreren Jahren Nullwachstum weiss man, dass die Verlierer zunehmen, das Leid in der Gesellschaft wachsen und der Druck im System auf alle Akteure, vor allem aber auf den Staat, erhöht würde. Mit weniger Einnahmen würde auch der Staat geschwächt und könnte weniger unterstützend tätig sein. Wir würden viele Branchen ruinieren.

Sie sagen, Wachstum passiere nicht freiwillig, sei geradezu Schicksal, doch wir wissen, dass es auf einem begrenzten Planeten endlich ist.
Wenn ich in Andermatt aufhören würde weiterzubauen, würde das viele Arbeitsplätze kosten, Familien müssten wegziehen, die Schule hätte weniger Kinder und, und, und. (…) Die kritische Masse ist die Basis, damit sich Dienstleistungen tragen und das Leben der Leute mit Dienstleistungen, die sonst gar nicht erbracht würden, verbessert wird: im Gesundheitswesen, im Handel, in der Bildung usw. Doch man kann auch übertreiben, sowohl bezüglich der Geschwindigkeit als auch der Grösse. Nehmen wir das Beispiel Dubai. Da wurden alle Grenzen gesprengt: Viel zu viel, viel zu gross, viel zu schnell.

Kritische Masse als Schlüssel
Wachstum ist also unumgänglich, sollte aber moderat gesteuert werden?
Nach 33 Jahren habe ich ein Gespür dafür entwickelt, worauf es ankommt. Ich wusste, dass ich in Andermatt mit meiner Vorstellung der kritischen Masse keine Chance gehabt hätte, dieses Resort realisieren zu können. (…) Die Alternativen nach dem Wegzug der Armee wären eine massive Abwanderung gewesen, die übrigens bereits eingesetzt hatte (…) Alle Dienstleistungen in einer Destination müssen rentieren, um sie aufrechterhalten zu können. Das hat mit Grösse und mit Dynamik zu tun. Andermatt war einfach zu klein. Deshalb hatte der Tourismus während langer Zeit Mühe, sich erfolgreich zu entwickeln. Es fehlte die kritische Masse. (…) Das Projekt Andermatt Swiss Alps ist ein eindrücklicher Beweis, dass Nullwachstum keine Perspektiven bietet.

Es gibt viele Variationen von Wachstum. Wichtig scheinen das korrekte Tarieren von Qualität und Quantität, das Abwägen zwischen Bauen und Auslasten, das richtige Zeitfenster und die Geschwindigkeit zu sein.
Ich hätte bei Projektbeginn über einen Finanzfonds alle geplanten Hotels auf einen Schlag realisieren können. Das Risiko wäre für die Investoren klein gewesen, denn mit dem Mix aus richtigen Hoteltypen hätten wir die kritische Masse innert kürzester Zeit erreicht. Aber ich wusste, dass das Dorf einen dermassen extremen Wachstumsschub nicht verkraften könnte. Das Leben im Dorf wäre während der intensiven Bauphase eine Hölle gewesen: Kräne, Bauverkehr, Lärm, Bauschutt usw. Einen derartigen Schock hätte die Bevölkerung im Tal nicht ertragen. Da muss man als Investor und Entwickler sensibel sein.

Welche der folgenden beiden Optionen passt besser zum Schweizer Tourismus:
a) Konzentration auf bestimmte touristische Hotspots, also bestehende Ferienanlagen, Skigebiete, Dörfer, Städte, maximal auslasten, um dafür den Tourismus von anderen Regionen weitgehend fernzuhalten?
Oder b) Dezentralisierung der Tourismusströme und möglichst breite Verteilung der Nutzen und Kosten auf das ganze Land?
Letztlich ist es der Markt, der die Tourismusströme bestimmt. Die touristische Entwicklung zu dirigieren, scheint mir äusserst schwierig zu sein, denn die Schweiz ist kein zentralistisch regiertes Land. Sie ist gewachsen mit sehr vielen Freiheiten für den Einzelnen, und das Unternehmertum lässt sich zum Glück nur bedingt einschränken. Ganz völlig frei sind wir nicht. Instrumente wie die Raumordnung mit Schutzzonen, Richt- und Zonenplänen oder Konzessionierungen beispielsweise für Bergbahnen schränken das Unternehmertum etwas ein. Diese gesetzlichen Vorgaben sind wichtig, damit es nicht zu Auswüchsen kommt, die wir sofort kritisieren würden.

Selbst Unternehmer wie ich, die mit Investitionen und einem ordentlichen Angebotsvolumen Einfluss auf Gästeströme nehmen können, sind den Marktmechanismen unterworfen. Trotzdem: Wenn ich zu viele Gäste aus einem bestimmten Herkunftsland verzeichne, dann steuere ich über den Preis, um nicht zu einem Hotspot für einzelne Märkte zu werden, denn wenn eine Gästegruppe zu stark dominiert, kommt es automatisch zu Verdrängungen anderer Gästegruppen. Zudem nehmen die Risiken zu, wenn man zu stark auf einen Markt setzt. Monopolisten können weitaus stärker Einfluss auf Gästeströme nehmen, doch diese monopolistischen Strukturen haben wir im Tourismus kaum und in der Schweiz schon gar nicht. (…)

Overtourismus – sich präventiv damit befassen
Trotz allen Versuchen, Gästeströme zu lenken, wurde punktuell Overtourismus zu einer wichtigen Herausforderung. Werden nebst den heute schon hinlänglich bekannten Destinationen künftig noch weitere unter Overtourismus-Problemen leiden?

Ich beobachte, dass tatsächlich immer mehr Orte unter Overtourismus leiden. In zahlreichen Städten kommen zu den touristischen Strömen noch Migrationsströme hinzu. Einheimische sind stark betroffen von Ballungen, einer überfüllten Verkehrsinfrastruktur, der Wohnungsknappheit und steigenden Preisen. Overtourismus ist jedoch kein flächendeckendes Problem, sondern es leuchten mal hier und mal dort rote Warnlichter auf. Jede touristische Destination sollte sich präventiv damit befassen und beobachten, wo und wann Overtourismus entstehen kann und welche Lenkungsmassnahmen notwendig sind. Fallbeispiele sollten besser untersucht werden, um zu verstehen, weshalb es passiert und was vorgekehrt werden könnte, um die Situation zu entschärfen. Man darf nicht davon ausgehen, dass der einzelne Hotelier oder Investor an das Wohlergehen der gesamten Bevölkerung denkt. (…) 

Andermatt – Qualität und Quantität
Andermatt Swiss Alps hat sich stark engagiert in den qualitativen, aber auch quantitativen Ausbau des Skigebiets, das an Vail Resorts verkauft wurde. Wie optimal ist damit das Verhältnis zwischen Betten, Beförderungskapazitäten und Frequenzen?
Wir bevorzugen, am Berg genügend oder gar zu viel Transportkapazitäten bereitzustellen. So können wir die Erwartungen unserer Hotelgäste erfüllen. Es sind Kompromisse notwendig, um die Angebote am Berg und im Tal gegenseitig abzustimmen. Tagesgäste sind wichtig für das Geschäft, aber sie bringen auch viel Verkehr mit sich. Auch hier braucht es den guten Mix zwischen Tages- und Feriengästen. In einigen Destinationen ist es heikel, wenn die Bergbahnen die Auslastung ihrer Kapazitäten einseitig voranstellen oder die Bahnen frühzeitig schliessen, um die Kosten zu senken. (…)

 

Orascom Development Holding AG (ODH)

– Betreiber von Feriendestinationen in Ägypten, in Marokko, im Oman, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Montenegro, in Grossbritannien und in der Schweiz
– Betreiber von 40 Hotels, 6 Golfplätzen und 7 Marinas
– Rund 8700 Mitarbeitende, davon 75 Prozent in Ägypten
– Seit 2008 börsenkotiert an der Schweizer Börse


Ganzjährig geöffnet heisst sozial verträglich werden
Diese Diskussion betrifft viele Gemeinden, besonders in Skigebieten, die nicht mehr rentabel sind.
Leider schrumpfen in der Schweiz tendenziell die Saisonöffnungszeiten. Oft ist eine Bergdestination bereits nach Ostern geschlossen. Das werden wir in Andermatt mit allen Mitteln verhindern und uns zu einer Ganzjahresdestination entwickeln. Unser Ziel ist es, den Ruf zu haben: Andermatt ist immer belebt – es fühlt sich nie an wie in einer Geisterstadt. (…) Denn Ganzjahresangestellte gründen Familien oder bringen sie mit, beleben die Schulen, kaufen ganzjährig ein und nehmen Dienstleistungen in Anspruch. Zudem identifizieren sich Ganzjahresangestellte viel stärker mit dem Betrieb und dem Ort. Das macht sie wiederum zu besseren Dienstleistern, denn es ist dann ihr Hotel, ihr Dorf, ihre Heimat. (…)

Nicht ständig an Gewinn denken 
Wenn man das Projekt Andermatt Swiss Alps aus Distanz verfolgt, erstaunt immer wieder, wie viel Zeit Sie sich geben und wie gelassen Sie mit Herausforderungen umgehen. Sie suchen immer wieder das Gespräch und nehmen unterschiedlichste Kritiker ernst. Sie passen Projekte flexibel an und treiben sie dennoch zielstrebig voran. Reisst Ihr Geduldsfaden nie?
Ich habe 34 Jahre Erfahrung in der Entwicklung touristischer Resorts, verteilt auf acht Länder, habe unzählige Fehler gemacht und immer wieder daraus gelernt. Wichtig ist, nicht nur ständig an Gewinn zu denken. Viele Projekte, die ich beobachtet habe, sind daran gescheitert, dass die Verantwortlichen immer mehr, immer schneller, immer gieriger Rendite wollten und nicht die Gesamtentwicklung im Fokus hatten. (…)

Was treibt Sie nach all dem Erreichten noch immer an, neue Projekte zu lancieren und sich nicht in die Villa am Urnersee oder auf die Insel Mamula zurückzuziehen?
Ich habe bereits angefangen, mich aus dem Geschäft zurückzuziehen, und besitze keine Aktien der Orascom Development Holding AG (ODH) mehr. Mein Sohn ist nun der Mehrheitsaktionär und hat die strategische Leitung. Ich bin nicht einmal mehr im Verwaltungsrat. In Andermatt aber bin ich weiterhin mit 51 Prozent engagiert, und in der ODH mit 49 Prozent. Und daneben führe ich noch ein paar Projekte, die mich persönlich interessieren. (…) Wenn wir ein Resort entwickeln, dann beseelen wir den Ort. Das ist meine Ambition.

 

Kluge Köpfe zum Wirtschaftswachstum

Robert und Edward Skidelsky, 2013: «Wirtschaftswachstum ist das alte und neue Zauberwort, mit dem sich angeblich jede Krise lösen lässt. Doch Wachstum ist kein Selbstzweck, und Wirtschaft soll dem Menschen dienen. Wachstum wozu, muss deshalb die Frage lauten, und: Wie viel ist genug?»

StudySmarter – Volkswirtschaftslehre, 2023: «Neben der reinen Steigerung der Wirtschaftskraft berücksichtigt das qualitative Wachstum auch andere, nicht immer leicht zu quantifizierende Wachstumskomponenten wie den Schutz der Umwelt, die gerechtere Verteilung der verfügbaren Ressourcen und des Einkommens sowie die Verbesserung der Lebensqualität der Bevölkerung.»

Bertrand Piccard, 2023: «Qualitative Growth means better with less – besser mit weniger.»

David Bosshart, 2011: «Umsteigen statt aussteigen, in das ‹Age of Less›, ein Zeitalter des Immer-Weniger, das uns aber gleichzeitig Aktionsräume für ein neues, robusteres Wachstum bietet.»


Unterwegs 
400 Seiten, 130 mm × 230 mm
Fadenheftung, Hardcover
Mit 56 Abbildungen
ISBN 978-3-03818-539-0
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