Reto Nause, neuer Präsident des Schweizer Tourismus-Verbandes STV, im ersten Interview mit dem Hotelier: zu seinen Zielen, den geopolitischen Folgen für den Tourismus und warum der Schweizer Tourismus die Bilateralen III braucht.

Welches war Ihr Bezug zum Tourismus vor dem Präsidentenamt im STV?
Geschäftsführer der Vereinigung Aeropers, in der sich das Cockpit-Personal von Swissair organisierte. In dieser Aufgabe war ich global unterwegs für ein Unternehmen des Tourismussektors. Fast 16 Jahre war ich als Sicherheitsdirektor bei der Organisation «Bern Welcome» engagiert, die alle Dienstleister und Stakeholder entlang der touristischen Dienstleistungskette verbindet und so wesentlich zum Wandel von Bern beigetragen hat. Tourismus machte mir immer Spass. Als Sicherheitsdirektor war ich auch involviert, als wir viele Sportveranstaltungen nach Bern holten, denn der Sport, das Management öffentlichen Raums, war bei mir angesiedelt. Da war beispielsweise die Fussball-Europameisterschaft der Frauen, aber auch das jährliche Lichtspiel und die Eisbahn, die auf dem Bundesplatz stattfinden. Das sind touristisch relevante Events, bei denen ich auch strategisch eingebunden war.
Was reizte Sie, diese Aufgabe zu übernehmen?
Tourismus ist per se ein sympathischer Sektor mit vielen Parallelen zur Politik. Beide sind ein People Business, der direkte Kontakt zu den Leuten ist wichtig. In der Politik muss man sie überzeugen. Im Tourismus will man sie verwöhnen. Kommt hinzu, dass das Produkt Schweiz überzeugt. Es ist ein solid gewachsener Sektor, der mit grosser Anstrengung Corona gemeistert hat und heute wieder zu alter Stärke zurückfindet. Ich schätze auch die Präsenz vor Ort, bei den Mitgliedverbänden und ihren Versammlungen.
Gab es bereits Höhepunkte seit Ihrem im letzten Sommer?
Ja, auf jeden Fall. Wir haben den Frontalangriff des Bundesrats abgewehrt, der im Entlastungspaket 2027 die Regionalpolitik beerdigen wollte. Das hätte dramatische Folgen für die Finanzierungen touristischer Infrastruktur als auch Kooperationen und die Entwicklung neuer Angebote. Zudem sollte Innotour gerupft werden. Zwar mussten wir Federn lassen, aber wir konnten die Funktionsfähigkeit dieser beiden zentralen Förderinstrumente erhalten. Angesichts der sehr angespannten Bundesfinanzen ist dies ein politischer Erfolg, aber der Druck bleibt in Zukunft hoch. Da gibt es unheilige politische Allianzen, gegen die wir uns im Schweizer Tourismus wehren müssen. Ein weiterer Höhepunkt waren unsere Sustainable Tourism Days im Herbst 2025 in Bern. An diesem Anlass ist es uns wieder gelungen, einen Austausch zur nachhaltigen Tourismusentwicklung auf nationaler Ebene durchzuführen.
Gab es etwas, das anders war als Sie es zum Amtsantritt als Präsident erwartet haben?
Ich ging davon aus, dass wir aufgrund der Finanzlage unruhige Zeiten haben werden. Aber dass wir in einen Orkan geraten, das dachte ich nicht. Es zeigt sich, dass die Geopolitik den Sektor von einem Tag auf den andern treffen kann. Erwartet habe ich, dass wir an der Krisen-Resilienz arbeiten müssen, aber es ist wirklich heftiger als erwartet. Die Vorlaufzeiten werden immer kürzer und die Krisen immer mehr – Zölle, Krieg, Russland- Bedrohung, Hegemonieansprüche China usw. In gewissen Destinationen können Hotels heute voll gebucht sein und morgen halbleer. Der Tourismus-Destination Schweiz könnten aus ganz verschiedenen Weltgegenden Kunden wegbrechen. Für den Schweizer Tourismus hat deshalb die Resilienz eine herausragende Bedeutung, um die Nachfrage möglichst konstant zu halten. Bei Corona hat uns die Inlandnachfrage gerettet. Aber wie ist es heute? Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir wegbrechende Kundensegmente ersetzen können. Die Diversifizierung der Kundensegmente ist für den Tourismus zentral, das haben uns die geopolitischen Verwerfungen vor Augen geführt.
Mit welchen neuen Ideen sind Sie beim STV angetreten? Was möchten Sie oder was muss der Verband anpacken?
Wir sind stark gefordert den Schweizer Tourismus nachhaltig auf Erfolgskurs zu halten. Sichern ist auf dem politischen Parkett die Hauptaufgabe. Sichern, stabilisieren, solide Rahmenbedingungen schaffen ist bei den sich verschärfenden Verteilungskämpfen bei knappen Bundeskassen zentral. Auf der politischen Agenda kommt einiges auf uns zu. Die Verträge Bilaterale III Schweiz- EU, die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz». Beide betreffen unseren grössten und wichtigsten Tourismus-Markt und wichtige Abkommen, die für den Erfolg des Tourismussektors zentral sind. Die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» bedroht das Freizügigkeitsabkommen. Ohne dieses Abkommen entfällt eine sehr wichtige Rekrutierungsbasis für unsere Betriebe, mit weitreichenden Folgen für das touristische Angebot und das Gästeerlebnis. Dann ist die sicherheitsmässige Stabilität eine Herausforderung. Tourismus funktioniert nur, wenn die gewählte Destination sicher ist. Das ist Grundvoraussetzung für Erfolg. Der letzte Verbündete der Schweiz für ein stabiles regelbasiertes Verhältnis ist Europa. Dieses Verhältnis darf nicht leichtfertig riskiert werden; das macht mir Bauchweh. So würde der Verlust des Schengen-Abkommens und des Schengen- Informationssystems eine riesige Sicherheitslücke öffnen, die auch touristisch nicht wünschenswert sein kann. Zudem fiele die Schweiz aus dem gemeinsamen Visa-Raum, was die Einreise für Gäste aus Drittstaaten deutlich erschweren und die Nachfrage spürbar mindern würde. Zurück zur Frage möchte ich aber auch feststellen, dass der STV auf seine Partner aus dem Tourismussektor zählen kann. So haben wir gemeinsam mit ihnen unter dem Dach des STV ein Tourismuskomitee gegründet und eine Kampagne gegen diese schädliche Initiative lanciert. Und auch die Destinationen und die touristischen Leistungsträger sind gut aufgestellt. Die Macher vor Ort sind hochgradig innovativ unterwegs. Das muss auch so sein, um erfolgreich zu bleiben.

Nachhaltigkeit und Klimawandel war ein Schwerpunkt für die STV-Tätigkeit, den Sie zu Anfang ihrer Präsidentenzeit identifizierten. Dieser Fokus verlange vom Tourismus sowohl vorausschauende Planung als auch Investitionen, um die Ressourcen zu schonen und den Verkehr bewältigen zu können, sagten Sie. Das Gilt sicherlich noch immer?
Nachhaltigkeit und Klimawandel werden zwangsläufig Schwerpunkte bleiben. Gerade in Berggebieten braucht es innovative Transformation vor allem wegen der steigenden Schneegrenze. In der Schweiz wird Schneesport vielerorts weiterhin möglich sein, in tiefen Lagen ist eine Diversifizierung des touristischen Angebots aber notwendig. Zudem müssen wir weiter am Ganzjahrestourismus arbeiten. So können die Touristen besser verteilt werden – räumlich und zeitlich.
Sie sprachen davon, dass nach Naturkatastrophen touristische Infrastruktur zügig wiederaufgebaut werden müsse, da es um die wirtschaftliche Erholung betroffener Regionen gehe. Gibt es Konkretes zu diesem Punkt?
Ein Zeichen der Hoffnung ist mir da Lukas Kalbermatten, der anlässlich des Rendez-vous Touristique des STV aufgezeigt hat, wie er auf der Lauchernalp im Lötschental das Hotel Momentum realisiert und so eine mutige Antwort auf die Zerstörungen des Bergsturzes in Blatten gegeben hat. Mit seinem Modulhotel entwickelt er für seine Talschaft eine wirtschaftliche Perspektive. Und eine Perspektive für Regionen wie das Lötschental ist der Tourismus. Hoteliers sind da mutige Vorbilder. Aber es braucht auch die Solidarität der Schweiz sowie die notwendigen rechtlichen Grundlagen, damit schnell und unbürokratisch unterstützt werden kann.
Eine Katastrophe, wenn auch keine Naturkatastrophe, war Crans-Montana. Welche Auswirkungen sehen Sie für den Schweizer Tourismus?
Am Abend des 30. Dezember 2025, war ich im Le Constellation in Crans-Montana ein Bier trinken. Champagner mit sprühendem Feuerwerk, wie er in der Silvesternacht zur Katastrophe führte, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Gebrauch. Ich fuhr dann zurück nach Bern. Unmittelbar nach der Katastrophe kehrte ich mit meinen Söhnen wieder nach Crans-Montana zurück, denn Crans ist für mich ein Sehnsuchtsort. Wenn man die vielen Kerzen vor dem Unglücksort sieht, macht das etwas mit einem. Das Unglück, diese Bilder und die Trauer beschäftigen mich noch heute. Ich war an der Trauerfeier, nicht unten in Martigny, sondern dort, wo sich das Dorf versammelt hatte; da versammelte man sich mit Würde und in tiefer Trauer. Aber man muss die Trauer überwinden und wieder Tritt fassen. Das touristische Montana zumindest hat solche Zeichen gesetzt. Wichtig war, dass die Weltcup-Rennen stattgefunden haben, das war ein Zeichen für das Trittfassen. Mit verschiedenen Zeichen der Solidarität war die Veranstaltung der Situation angemessen und angepasst.
Das waren die kurzfristen Massnahmen. Befürchten Sie längerfristige negative Folgen für die Destination?
Offenbar hat man im Ort kurzfristig Corporate- Anlässe verloren oder sie wurden verschoben. Die privaten Buchungen sollen weitgehend stabil geblieben sein, wie mir Tourismusdirektor Bruno Huggler sagte. Die Pisten waren im Februar, so mein persönlicher Eindruck, fast besser besucht als letztes Jahr. Eine andere Sache ist die juristische Aufarbeitung: Es bestehen die Gefahr und das Risiko, dass es zu einem Imageschaden kommen könnte, wenn man nicht Transparenz schafft. Aber das liegt nicht an Crans-Montana, sondern an der Staatsanwaltschaft, den Untersuchungsbehörden.
Als STV-Präsident sind Sie der oberste Tourismus- Lobbyist im Land. Selbstverständlich ist dafür die politische Vernetzung zentral und als Berner-Mitte-Nationalrat sind Sie mittendrin in der Politik. Gibt es Instrumente oder Aktivitäten zur Interessenvertretung, die Sie im STV stärken oder gar neu einführen möchten?
Wir sind da sehr gut aufgestellt. Unser Direktor Philipp Niederberger und Vorstandsmitglieder zeigen vollen Einsatz für den Tourismus. Beim Entlastungspaket 2027 haben sie schon fast im Bundeshaus campiert, um unsere Interessen zu vertreten. In der Lobbyarbeit ist und bleibt der persönliche Kontakt das wichtigste Instrument. Mit unserer 67-Mitglieder umfassenden Parlamentarischen Gruppe Tourismus haben wir in politischen Anliegen des Tourismussektors Bundesbern eines der grössten Netzwerke. Damit ist sichergestellt, dass die an der richtigen Stelle platziert werden können. Wir pflegen viermal im Jahr den Austausch zwischen dem Sektor und Parlament. Die Anlässe sind immer gut besucht. Das zeigt mir, dass der Tourismus politischen Goodwill geniesst. Und selbstverständlich operieren wir mit allen üblichen Kommunikationsinstrumenten wie Vor- und Rückschau zu den Sessionen, einem politischen Newsletter und wir sind auch auf den Sozialen Medien präsent.

Die Tourismus-Branche in der Schweiz ist stark segmentiert und entsprechend vielfältig durch viele Verbände politisch organisiert. Wäre es allenfalls sinnvoll, die Dichte von Verbänden zu reduzieren?
Die Corona-Pandemie hat uns gelehrt, wie wichtig eine Organisation wie der STV für den Schweizer Tourismus ist. In dieser Zeit ist es uns als Dachorganisation die Bündelung der Interessen über alle für den Tourismus relevanten Branchenorganisationen gelungen. Ich habe in den ersten neun Monaten den Eindruck gewonnen, dass wir eine gute organisatorische Situation haben. In Zeiten knapper Finanzmittel ist es wichtig, als Dachorganisation wirken zu können. Das solidarische Tragen der touristischen Förderinstrumente – Innotour, Regionalpolitik und das Standort-Marketing durch Schweiz Tourismus – ist wichtig. Statt sich gegeneinander auszuspielen, ist es wichtig, zusammenzubleiben.
Lassen Sie mich da gleich einhaken. Der Vermarktungs-Organisation Schweiz Tourismus werden im Entlastungspaket 2027 für die nächsten beiden Jahre 10 Prozent der Bundesmittel gekürzt. Was bedeutet das konkret für Schweiz Tourismus?
Der Bundesrat wollte sogar 20 Prozent kürzen. Ein Antrag von Links verlangte noch weitere neun Millionen auf die 20 Prozent des Bundesrates draufzulegen, was einer Kürzung von 35 Prozent entsprochen hätte. Mein Antrag war, fünf Prozent zu kürzen. Am Schluss einigte man sich auf minus zehn Prozent. Das entspricht auch dem Budgetbeschluss des Nationalrates für das laufende Jahr 2026. Der Ständerat war beim Budget 2026 sogar bereit gewesen, bei Schweiz Touris- mus keine Kürzung vorzunehmen. Das harte Feilschen um die Beträge zeigt das Spektrum des potenziellen Schadens, der hätte entstehen können. Aber der Druck wird auf Schweiz Tourismus bleiben.
Gibt es eine Frage, die Sie als Präsident des STV nie beantworten möchten?
Als Präsident muss und werde ich bei jeder Situation hinstehen und unangenehme Fragen beantworten oder zu schwierigen Themen Stellung beziehen. Das habe ich als Berner Sicherheitsdirektor gelernt: Nach jeder Demo Präsenz markieren.
