Der neue Direktor von HotellerieSuisse, Christian Hürlimann, im ersten Hotelier-Interview. Er zeigt sich positiv überrascht von der Dynamik des Verbandes. Dass die Ideen zwischen Bern und den Regionalverbänden reisen, wünscht er sich.
Christian Hürlimann, seit einem Dreivierteljahr sind Sie Direktor von HotellerieSuisse. Was war anders, als Sie es erwartet haben?
Christian Hürlimann: Die Vielseitigkeit der Tätigkeit und des Verbandes war mir nicht voll bewusst. Unser Verband ist in rund 15 nationalen Gremien vertreten. Das erfordert ein intensives Stakeholder-Management. Eine wirklich positive Überraschung ist die stark verankerte Hotel-DNA, die ich bei den Mitarbeitenden in der Geschäftsstelle wahrnehme. Sie identifizieren sich sehr mit der Hotellerie, auch wenn nicht alle selbst in einem Hotel gearbeitet haben. Zudem ist meine anfängliche Unsicherheit, ob ein Verband für mich das Richtige ist, völlig verflogen. Da ich aus der Privatwirtschaft komme, war ich eine hohe Dynamik gewohnt. Die Dynamik im Verband steht ihr aber in nichts nach. Da ist nichts von gemächlich, sondern extrem viel Energie.
Neuer Direktor, neue Ideen – welche sind Ihre neuen Ideen? Was will oder muss der Verband anpacken?
Der Verband ist sehr professionell und sehr gut organisiert. Das zeigen mir auch die Feedbacks, die ich in externen Gesprächen bekomme. In erster Linie geht es in nächster Zeit darum, die von der Delegiertenversammlung beschlossenen strategischen Handlungsfelder umzusetzen. Für mich ist es wichtig, in gewissen Themen noch stärker zu fokussieren und Akzente zu setzen. Das einzelne Mitglied soll den Dachverband spüren. Man soll wissen und erfahren, warum man einen Mitgliederbeitrag zahlt. Das ist eine herausfordernde Aufgabe, im Zusammenspiel mit den starken und gut arbeitenden Regionalverbänden unsere Arbeit zu profilieren. Gelingen wird das, indem wir die Zusammenarbeit mit den Regionalverbänden intensivieren und fördern. Oder anders gesagt: Die Ideen sollen reisen.
Gab es bereits Höhepunkte seit Ihrem Start als HotellerieSuisse-Direktor im letzten Sommer?
Zwei Wochen nach Start bereits beim Hospitality Summit dabei zu sein, war ein erster Höhepunkt. Dann auch die Delegiertenversammlung Ende November mit dem Grusswort von Bundesrat Guy Parmelin, den ich dabei bei einem Kaffee persönlich kennenlernen durfte. Die Erfahrung zu machen, wie nahbar die Politik in der Schweiz ist, war sehr lässig. Als sehr nah und wertschätzend erlebte ich auch die Zusammenarbeit mit anderen Verbänden.
Sind Ihre Ideen und Schwerpunkte vom Amtsantritt auch heute noch Ihre Schwerpunkte oder gab es Akzentverschiebungen?
Mit konkreten, fixen Ideen bin ich eigentlich nicht angetreten. Ankommen und verstehen war mein Motto. Das war für mich der wichtigste Punkt. Inzwischen habe ich alle Regionalverbände besucht, um ihre Bedürfnisse kennenzulernen. Bedürfnisse werden nun mit den Leistungen der Geschäftsstelle gespiegelt, um diese den realen Bedürfnissen anzupassen. Das ist mein Schwerpunkt: Bedürfnisse erfüllen. Wir auf der Geschäftsstelle müssen diese Haltung verinnerlichen. Denn die Mitgliederbeiträge sind der grösste Teil unseres Budgets. Eine eigene Agenda hatte und habe ich nicht, was für diese komplexe und heterogene Branche auch nicht angemessen wäre. Aber ich bin angekommen. Wir sind jetzt in einem On-going-Prozess. Die Anpassungen laufen – auch mit dem Präsidenten Martin von Moos, der ebenfalls noch relativ neu im Amt ist. Wichtig ist mir, aufmerksam und agil zu bleiben, da sich die Bedürfnisse der Branche stetig verändern.
HotellerieSuisse und GastroSuisse haben zum Teil die gleiche Zielgruppe – Hotels, Beherbergungsbetriebe. Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen beiden Verbänden?
Zwischen den beiden Verbänden gibt es kein Konkurrenzverhältnis. Beide werben um Mitglieder. In der Zusammenarbeit sprechen wir uns in vier Treffen pro Jahr ab. In den gemeinsamen Themenfeldern können wir so Synergien nutzen. In politischen Fragen stimmen wir uns ab und arbeiten zusammen. Zusätzlich treffen sich die Abteilungen Politik und Bildung ebenfalls regelmässig, um an gemeinsamen Themen zu arbeiten.
Die Dichte von Verbänden im Tourismus-Sektor ist sehr hoch. Ist eine Fusion von HotellerieSuisse und GastroSuisse ein Thema für Sie?
Die Dichte der Verbände im Tourismus-Sektor steht für mich nicht im Vordergrund. Entscheidend ist der Mehrwert für die Mitglieder und die Branche. Separate Verbände mit differenzierten Haltungen können eine stärkere Wirkung erzielen als nur ein Grossverband. Es würde sich auch die Frage stellen, wie ein so grosser Verband organisiert sein soll. Jeder Verband braucht Agilität. Mir sind zwei Schnellboote, die in die gleiche Richtung fahren, lieber als ein Supertanker, bei dem man am Morgen am Steuer drehen muss, damit er sich am Nachmittag in die richtige Richtung bewegt. Super finde ich, dass wir die Zusammenarbeit intensivieren. Das heutige Modell stimmt für mich.
Der Präsident von GastroSuisse, Beat Imhof, sagte in einem Interview mit dem «Hotelier» «Sag niemals nie», als ich ihn nach einer Fusion fragte. Was sagen Sie?
Ob es in der Zukunft eine Fusion gibt, dazu stelle ich keine Prognose. Sag niemals nie, das sage ich grundsätzlich zu allen Fragen. Auf meiner aktuellen Zielliste steht eine Fusion nicht. Denn es müssten auch die Diversitäten und die Kulturregionen, das Alpine und das Urbane oder die Sprachregionen unserer Verbände und unserer Branche vereint werden.
Ein Kernproblem der Branche sind die Personalsorgen, der Fachkräftemangel. Sehen Sie konkrete, neue Ansätze, um dieses Problem anzupacken oder gar zu lösen?
Positiv ist, dass wir eine erhöhte Nachfrage bei Lernenden haben. Die Berufsbilder in unserer Branche müssen dem Zeitgeist entsprechen. Da sind die Branche und die Betriebe in der Pflicht, die Attraktivität ihrer Berufe zu steigern. Die HOKO-Lehre – Hotel-Kommunikations-Fachleute – ist da ein Erfolgsmodell mit rund 150 Bewerbungen für einen Lehrstellenplatz. Diese Minihotelfachschule in Form einer dreijährigen Lehre interessiert Berufseinsteiger offensichtlich. Da brauchen wir mehr Lehrbetriebe, die wir akquirieren, um dem Bedürfnis nach Lehrplätzen nachzukommen.
In anderen Berufsfeldern der Hotellerie scheint es schwieriger, Nachwuchs zu finden.
Nicht zwingend. Wir haben eine steigende Zahl von Lernenden in der Küche. Aber wir müssen gewisse Berufsbilder überdenken und laufend dem Zeitgeist anpassen, beispielsweise den Service. Eventuell könnte ein kurzer Ausbildungsabstecher in die Küche ein Weg sein. Wir stehen im engen Austausch mit GastroSuisse sowie mit Hotel & Gastro Formation Schweiz in Weggis. Gemeinsam wollen wir die Berufsbilder unserer Branche anpassen, um ihr Zukunftspotenzial zu stärken. Denn unsere Berufe bieten auf der ganzen Welt, zu Land und zu Wasser, auf Schiffen einzigartige berufliche Möglichkeiten.
Das andere, wichtige politische Feld für HotellerieSuisse ist das Verhältnis Schweiz–EU und der ausgehandelte Kooperationsvertrag. Welche Bedeutung messen Sie diesem Vertrag für die Hotellerie bei? Zumal einer der Hauptopponenten, Urs Wietlisbach, der gemeinsam mit seiner Frau Eigentümer des Hotels Arosa Kulm ist, an vorderster Front gegen einen Vertragsabschluss Schweiz–EU kämpft.
Die Personenfreizügigkeit ist für uns beim Vertragspaket, wir reden da immer von den bilateralen Verträgen, das Wichtigste. Sie ist existenziell für die Branche. Aber auch andere Faktoren wie die Forschungszusammenarbeit oder der erleichterte Austausch von Waren und Dienstleistungen sind Gründe, warum wir uns hinter die Verträge stellen.
Ein vertragsloses Verhältnis zur EU erachten die Branche und ihre Verbände als schädlich für die wirtschaftliche Entwicklung. Wir brauchen einen stabilen, vertraglichen Zustand. Nicht nur wegen der Mitarbeitenden, sondern auch wegen der Gäste.
Zurück zu Urs Wietlisbach, dem Mitgründer von Partners Group. Wie sehen Sie sein Engagement gegen die Verträge als Hotel-Eigentümer?
Er ist jemand, der in viele Branchen investiert. Ich weiss nicht, wie er die Personalfrage in seinem Hotel lösen wird, ohne die Personenfreizügigkeit als Teil der neuen Verträge. Bisher konnte ich mich aber noch nicht mit ihm austauschen. Bei uns habe ich noch keine Stimmen gehört, die diese Verträge zwischen der Schweiz und der EU nicht wollen. Auch beim Schweizer Tourismusverband STV ist dies der Fall. Aber bei verschiedenen Wirtschaftsführern ist eine gewisse Unsicherheit zu spüren. Umso wichtiger sind der laufende Meinungsbildungsprozess und die Diskussion mit anderen Verbänden.
Gibt es eine Frage, die Sie als Direktor von HotellerieSuisse nie beantworten möchten?
(Denkt nach) Wieso hat der Dachverband plötzlich 20 Prozent weniger Mitglieder? Wenn also der Nutzen des Verbands in Frage gestellt würde. Dass ich diese Frage nie beantworten muss, dafür arbeiten wir. Deshalb ist es wichtig, den Mehrwert und den Nutzen für die Mitglieder sichtbar und spürbar zu machen. So wie es in Corona-Zeiten gelungen ist, wollen wir die gute Leistung auch in Nicht-Krisenzeiten bieten.

Christian Hürlimann
Der neue Direktor von HotellerieSuisse hatte seine letzte Tätigkeit nach zwanzig Jahren «ins Blaue hinaus» gekündigt, wie er sagt. Das habe Mut gebraucht, denn Christian Hürlimann ist verheiratet und zur Familie gehören drei Kinder. Mit 52 Jahren wollte er noch einmal etwas Neues beginnen. Er gründete die Beratungsfirma für die Hotellerie Add-On GmbH. Als er sich um den Direktorenposten bewarb, lief seine Firma bereits gut und er habe sich da unbeschwert in die Gespräche begeben. «Und mit jedem Gespräch wurde mein Interesse an der Aufgabe grösser.»
Seit dem 1. Juni 2025 steht Christian Hürlimann als Direktor an der Spitze von HotellerieSuisse. Er bringt über 15 Jahre Erfahrung aus der nationalen wie internationalen Hotellerie mit. Unter anderem bei Hilton International in Australien, im Widder Hotel Zürich sowie im Art Deco Hotel Montana in Luzern. In den vergangenen zwei Jahrzehnten prägte er den Aufbau und die Entwicklung des Deutschschweizer Geschäfts der Eldora-Gruppe massgeblich. Zuletzt verantwortete er als COO das operative Geschäft in der ganzen Schweiz.
Er ist Absolvent der Schweizer Hotelfachschule Luzern SHL. Seine Führungskompetenz vertiefte er durch Weiterbildungen am IMD und der HSG. Seit rund 15 Jahren engagiert er sich zudem als Verwaltungsrat. Aktuell unter anderem an der EHL und im Vorstand des Schweizer Tourismus-Verbands STV. phg
Neue Berufstitel: Professional Bachelor und Professional Master
Der Ständerat sprach sich bereits früher für die beiden neuen Titel in der höheren Berufsbildung aus – «Professional Bachelor» und «Professional Master». In der letzten Wintersession stimmte der Nationalrat ebenfalls für die Neuerung.
Die neuen Titelzusätze wurden vom Parlament als wichtiges Signal gegen den Fachkräftemangel und zur Steigerung der Berufsattraktivität in der Schweiz erachtet. Zudem werde damit im Ausland erkennbar, dass es sich um Abschlüsse auf Tertiärstufe handle. Das Parlament sprach sich dagegen aus, die Titel von höheren Fachschulen von den eidgenössischen Berufsprüfungen abzugrenzen.
Skeptischer Bundesrat
Die Titel-Reform war in beiden Parlamentskammern weitgehend unbestritten. Nur wenige argumentierten, die neuen Titelzusätze seien unnötig und könnten Verwirrung stiften. Der Bundesrat hatte gewisse Bedenken geäussert, da die Zahl der Hochschulabschlüsse in den vergangenen Jahren stärker zugenommen habe als jene in der höheren Berufsbildung. Er sah darin ein Risiko, dass den KMU durch die Akademisierung berufspraktisch ausgebildete Fachkräfte fehlten.
Für HotellerieSuisse sind die beschlossenen Titelzusätze Professional Bachelor und Professional Master «ein Meilenstein für die Attraktivität der höheren Berufsbildung». Dafür habe man sich mit Partnern aus der Berufsbildung über ein Jahrzehnt engagiert. Die beiden neuen Titel stärken «die Sichtbarkeit und Anerkennung eines Bildungswegs, der in der Branche zentral ist», schrieb HotellerieSuisse nach dem Parlamentsentscheid. Noch nicht offen ist, ab wann die neuen Titel vergeben werden dürfen. HotellerieSuisse will Vorbereitungen des Bundes zur Einführung eng verfolgen. phg

1 Kommentar
Sehr interessante Ausführungen. Ich wünsche Herr Hürlimann und seinem Team viel Erfolg und Weitsicht. Es freute mich zu lesen, dass sich vermehrt junge Leute für diesen anspruchsvollen Beruf begeistern und sich der Gastfreundschaft widmen.