«Normen sind das Gegenteil von Bürokratie»

«Normen sind das Gegenteil von Bürokratie»

Eine Aussage, die auf den ersten Blick erstaunt. Auf den zweiten Blick jedoch hat der Befund etwas für sich. Ein dritter Blick öffnet gar Erstaunliches, das sogar von geopolitischer Bedeutung sein kann. 

 

Landläufig verbindet man Normen mit Aufwand, Kosten und Bürokratie. Auch in der laufenden Wintersession behandeln die Eidgenössischen Räte wieder mindestens drei Vorstösse zum Bürokratieabbau. Das Thema ist eigentlich in jeder Session. Aktuell spricht sich Ständerat Jakob Stark in einer Interpellation für «Deregulierung statt Bürokratiewachstum in der Rehabilitation» im Gesundheits­wesen aus. Ständerat Benedikt Würth verlangt vom Bundesrat mit einer Motion einen «Marschhalt bei neuen Empfehlungen zu mässigem Alkoholkonsum». Zur Debatte steht auch die Standesinitiative des ­Kantons St. Gallen: «Neue Bürokratie in der Land­wirtschaft und im Gartenbau stoppen. Die Einführung von Digiflux muss vereinfacht werden.» Neue Normen, Standards und Regeln sind ein Schmier­mittel der Parlamentsarbeit. Denn hinter jeder Norm steckt ein Interesse. 


ISO und DIN

Wichtige (technische) Normen werden aber ausserhalb des Parlaments gesetzt. Wir kennen die ISO-­Zertifizierungen, von denen es rund 26 000 gibt. Oder eine der rund 35 000 DIN-Normen hat einen mehr oder weniger starken Einfluss auf unser Leben. Hinter diesen Normen stecken zwei Organisationen: Die International Organization for Standardization ISO wurde 1947 gegründet und hat ihren Sitz in Genf. Ihr Ziel war (und ist) es, die Standardisierung nach dem Zweiten Weltkrieg global zu fördern. Die Schweiz ist ISO-Mitglied. 

Das Deutsche Institut für Normung DIN normiert von Berlin aus. Der Anspruch von ISO, so erklärte ihr Präsident Christoph Winterhalter, der auch Präsident des DIN ist, sei «das Gegenteil von Bürokratie». Normierungsprozesse würden die Grundlage dafür schaffen, dass die Vorgaben aus der politischen Regulierung «möglichst praxisnah und effizient umgesetzt werden». Winterhalter, der zwei Jahrzehnte lang für das Schweizer Unternehmen ABB gearbeitet hat, sagt sogar, die ISO verstehe «Normung als Instrument der Deregulierung». 


SNV: leichter, sicher, besser

Ähnlich sieht es Lukas Keller, seit Mai dieses Jahres Geschäftsführer der Schweizerischen Normen-Ver­einigung SNV: «ISO bedeutet making lives easier,
safer and better.» Mit diesem Leitmotto, das er seit dem Amtsantritt verfolgt, will er die Normung in der Schweiz weiterentwickeln. Er möchte sie «für Wirtschaft und Gesellschaft zu einem unverzichtbaren Instrument machen». Um diese Weiterentwicklung von Normen voranzubringen, wirken in der Schweiz, gemeinsam mit der SNV, weit über 500 Expertinnen und Experten an praxisnahen Normen mit. Der An­­stoss zur Gründung der SNV im Jahr 1919 in Baden (!) – damals unter dem Namen Schweizerischer Normalien-Bund – kam vom Verein Schweizerischer Maschinenindustrieller.


Normen-Kooperation trotz Krieg

Im Kontext der aktuellen Zoll-Verhandlungen zwischen der Schweiz und den USA sowie der geopolitischen Repolarisierung öffnen zwei Aussagen von ­ISO- und DIN-Chef Christoph Winterhalter einen in der Regel verkannten Blick auf die politische Bedeutung von Normen. Während man Zölle wieder abbauen könne, sei dies bei technischen Normen schwieriger. Allerdings illustriert er diesen Gedanken mit einem, wie er sagt, «ermutigenden Bild». Denn unter dem Dach der ISO würden auch in diesen schwierigen Zeiten «Amerikaner und Chinesen ebenso wie Russen und Ukrainer» (FAZ, 11. Juni 2025) zusammensitzen. 


Relevante Normen für die Hotellerie

Hotellerie, Gastronomie und Tourismus sind keineswegs frei von Normen, die einzuhalten sind. Das Arbeitsrecht, die Verpflichtung, die Mitarbeitenden vor Berufsunfällen und -krankheiten zu schützen, der Brandschutz oder Normen für Sicherheit und Hygiene sind Felder, für die verbindliche Normen festgelegt sind und die beachtlichen Aufwand verursachen.

Recht weit verbreitet sind in der Schweizer Hotel-, Hospitality- und Tourismus-Branche folgende ISO-Normen (eine Auswahl): 

ISO 22483: Tourismus und verwandte Dienstleistungen – Hotels: Speziell für Hotels konzipiert: Diese Norm legt Anforderungen an Service, Personal, Sauberkeit, Instandhaltung, Sicherheit, Gästezufriedenheit und mehr fest. Sie wird als Ergänzung zu ISO 9001 verstanden. 

ISO 9001: Qualitätsmanagement: Die Norm definiert Anforderungen für ein Qualitätsmanagement-System, um konsistente Servicequalität, Prozess­optimierung und kontinuierliche Verbesserung zu gewährleisten. In Hotels hilft ISO 9001, Service-Prozesse (Check-in, Housekeeping, Veranstaltungen etc.) zu standardisieren.

ISO 14001: Umweltmanagement: In erster Linie für die Nachhaltigkeit relevante Norm. Sie legt Anforderungen an ein Umweltmanagementsystem fest, mit dem Hotels ihren Energieverbrauch, Abfall, Wasserverbrauch etc. systematisch managen können.

ISO 45001: Arbeits- und Gesundheitsschutz: Die Norm legt ein Managementsystem für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz fest. Für Hotels besonders wichtig in Bereichen wie Housekeeping, Küche, Technik, Veranstaltungen. Sie hilft, Arbeitsrisiken zu er­­kennen und systematisch zu minimieren.

ISO 22000: Lebensmittelsicherheit: Diese Norm ist relevant, wenn im Hotel ein Restaurant (inkl. Frühstücksbuffet) betrieben oder Catering angeboten wird. Im Zentrum steht das Food-Safety-Management (Hygiene, Lagerung, Zubereitung etc.). Die Norm wird häufig kombiniert mit ISO 9001.

ISO 50001: Energiemanagement: Die Norm zielt auf Energieeffizienz (Heizung, Klimaanlage, Beleuchtung) und will systematisch Energie sparen und so Kosten senken und den CO₂-Fussabdruck reduzieren.

ISO/IEC 27001: Informationssicherheit: Die Norm ist ein Instrument für den Schutz von Gästedaten, Buchungssystemen und Zahlungsinformationen.
Ziel ist, im Hotel ein Informationssicherheits-Mana­gementsystem zu etablieren, das Datenschutz und Datensicherheit erhöht.

ISO 10002: Kundenbeschwerden und -zufriedenheit: Die Norm ist ein Leitfaden, wie man ein Be­­schwerdemanagement einführt, um auf Gästefeedback professionell zu reagieren. Das Vertrauen der Gäste soll auch gefördert werden, indem Beschwerden systematisch bearbeitet werden.

ISO 20121: Nachhaltiges Veranstaltungsmanagement: Die Norm ist interessant und adressiert die Nachhaltigkeit von Events, wenn ein Hotel häufig ­Veranstaltungen, Kongresse oder Konferenzen organisiert.

«Quality Label for Swiss Tourism»: Von besonderer Bedeutung ist in der Schweiz das «Qua­­lity Label for Swiss Tourism» (Q-Gütesiegel), das von den wichtigsten touristischen Dachverbänden in der Schweiz unterstützt wird. Es beabsichtigt, die Qualität und
das Qualitätsbewusstsein der Betriebe zu steigern.
 Die Auszeichnung können Tourismusunternehmen und -organisationen erhalten, die die An­­forderungen des Schweizerischen Tourismus-Verbandes (STV) er­­füllen, um ihre Servicequalität zu verbessern. Partner für das Nachhaltigkeitsprogramm «Swisstainable» sind alle relevanten Tourismus-Verbände, darunter auch HotellerieSuisse und GastroSuisse. 

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