Weintrends 2026

Weintrends 2026

Nachhaltigkeit, visuelle Stimulation, High Altitude, ­Oenotourismus, Alkoholfrei und Community sind Schlagworte der önologischen Zukunft. Auch die Rückbesinnung auf den analogen Moment, der sich mit einem Glas Wein bestens erleben lässt.

 

Die Weinbranche ist in Krisenstimmung – ein Wort, dessen Ursprung im Griechischen (krisis) liegt und so viel wie «Entscheidung» oder «Wendepunkt» bedeutet. Ganz im Zeichen der Zeit steht auch die Weinwelt vor zahlreichen Veränderungen – wenn nicht sogar einer Korrektur. Nachlassender Konsum, sinkende Umsätze, anhal­tende Warnungen der WHO, Longevity-Boom, Ozempic-Hype, klimatischer Wandel und ein stattfindender Generationenwechsel tangieren die globale Produktion, die sich laut OIV (International Organi­sation of Vine and Wine) aktuell bei 225,8 Millionen Hektolitern befindet. Im Vergleich zum Vorjahr werden global 3,3 % weniger Wein konsumiert. Auch in der Schweiz wird im Vergleich zum Vorjahr 7,4 % weniger getrunken, wobei vor allem der Rotwein leidet. Konkret bedeutet das, dass wir pro Kopf 31,1 Liter geniessen.

Die Frage ist jetzt aber, was wir entkorken und entkorken werden. Generell ist die Wein­welt stark im Bann der globalen Er­wärmung. Weinzonen verschieben sich, neue Traubensorten werden in regulierten Gebieten zugelassen und plötzliche, heftige Wetterereignisse wie beispielsweise Hagel, Sturm oder massiver Regen, machen den Winzern das Leben mehr als nur schwer. Auch eine Folge der Erwärmung ist, dass man vermehrt in höheren Lagen pflanzt. Die sogenannten «High Altitude»-Weine werden weltweit kultiviert – auch in der Schweiz. Der bekannteste Wein unter ihnen ist sicher der Heida der St. Jodern Kellerei, der auf dem Rebberg Rieben, der bis auf 1150 Meter über Meer emporsteigt, gedeiht. Lange galt er auch als der höchste Rebberg Europas. Charakteristisch für diese Weine: Je höher die Reben gedeihen, desto grösser sind die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht. Diese Temperaturkontraste ermöglichen eine langsamere und ausgewogenere Reifung der Trauben. Die kalten Nächte tragen dazu bei, die Säure der Trauben zu bewahren, was oft zu frischeren Weinen führt, die sich einer grossen Beliebtheit erfreuen bei Rot und natürlich vor allem bei Weissweinen, die immer wichtiger werden. Der Zugang zu ihnen ist viel einfacher als zum Rotwein, sie kosten meist auch weniger und passen perfekt zur vegetarischen und leichteren Küche sowie auch zur Tatsache, dass die Rolle der Beilagen für zahlreiche Köche immer wichtiger wird. Genossen werden die Weissen kühl, was sie generell zugänglicher macht. Zu den Regionen, die es sich jetzt zu entdecken lohnt, gehört sicher Bordeaux mit den weissen Abfül­lungen aus dem Médoc, klar Spanien und Portugal mit Vinho Verde oder Albariño oder Sizilien mit Grillo oder Carricante, um einige zu nennen. Interessant auch, dass inzwischen sogar die Rotweinhochburg Saint-Émilion darüber nachdenkt, Weissweine zu produzieren, ganz nach dem erfolgreichen Vorbild von Châteauneuf-du-Pape, wo die Weissweinproduktion bereits sieben Prozent ausmacht. Wenn es um Weissweine geht, steht auch die Schweiz ganz vorne – von der mineralisch trockenen Chasselas-Traube bis zum aromatischen Riesling-Sylvaner, der dieses Jahr sein 175-Jahr-Jubiläum feiert. 

Ein grosses Thema auch die Nachhaltigkeit, die den ganzen Betrieb betrifft. Regenerativer Weinbau wird ein Credo der zukunftsorientierten Kellereien sein, die sich mehr und mehr um das Wohlergehen des Terroirs kümmern, und zwar von der kleinen Kellerei bis zum Grosskonzern. Ob biologisch oder biodynamisch vinifiziert wird, ist egal – Hauptsache, das Wohler­gehen des Planeten wird bedacht. Darauf legt vor allem die neue Generation Z grossen Wert, die mit einem ganzen Set neuer Ansprüche in die Weinwelt blick. Sie ist nicht nur digital sehr affin, sondern auch optisch. Weine werden des Etiketts wegen erworben, bevor der Gedanke zur Herkunft, zur Traubensorte oder gar zum Geschmack schweift. Weine mit «verstaubten», braven oder halt nicht ganz fotogenen Labels haben es sicher etwas schwerer, Aufmerksamkeit zu erhalten – wie übrigens so viele andere Themen auch. Das Etikett muss optisch auffallen, visuell brillieren, auch stimulieren – sei es mit kurzen Nachrichten, fancy Bildern oder sonst einer kreativen, auch frechen Überraschung. Auch im Ge­­schmack darf der Wein neue Wege gehen. Warum nicht ein Rotwein auf Eis, ein Wein ohne Alkohol, ein trüber Rosé, ein über­aromatischer Weisswein oder ein herausfordernder Naturwein – Hauptsache, er un­­terhält den Gaumen und ist anders als die Regel. Es ist aber auch diese Generation, die gleichzeitig eine Verbundenheit zur Erde spürt und im Grund nur nachhaltig vinifizierte Weine trinken möchte.

Schweizer Weinbau hat alle Voraussetzungen, um auch die neue Generation anzusprechen, wobei natürlich nicht alles beim Alten bleiben darf – angefangen beim optischen Auftritt der Flasche bis zum Willkommenheissen auf dem Weingut. Wobei wir beim Oenotourismus sind, dem eine grosse Zukunft bevorsteht. Reisen boomt nach wie vor und Weinreisen sind davon nicht ausgeschlossen: die Nähe zum Produzenten und zum Herkunftsterroir der Weine erlebbar machen oder die Teilnah­me an der Ernte ermöglichen. Genuss als Happening garantiert, dass Weine positiv präsentiert werden. Wichtig auch die sensorische Erfahrung, der Unterhaltungswert des Moments, die daraus entstehende Commu­nity und zu erleben, wie sich ein Weinbaubetrieb liebevoll um sein Land kümmert. Auch wenn es gerade sehr populär ist, dass vermehrt ge­­gen Alkohol gedonnert wird, ist es schlicht falsch, Wein einfach als Alkohol zu deklassieren. Wein ist ein menschliches Kulturgut, das Menschen zusammenbringt und vom Land und den Traditionen seiner Herkunft spricht. Eine Flasche Wein zu teilen, verleiht dem Moment die analoge Ruhe, die wir zurzeit besonders gut gebrauchen können – egal, ob der Wein von einem Rebberg auf über 2000 Meter über Meer oder aus einer aromatischen Neukreation stammt. 

 


Statistik Weinwelt

Das Jahr 2024 war für den globalen Weinbausektor ein weiteres herausforderndes Jahr. Es war geprägt von widrigen klimatischen Bedingungen, die zu einem historisch niedrigen Produktionsniveau führten. Gleichzeitig führten soziale und wirtschaft­liche Faktoren zu einem Rückgang des Konsums in wichtigen Märkten. Trotz dieses Drucks trugen höhere Durchschnittspreise dazu bei, die Marktentwicklung wertmässig zu stützen und die Auswirkungen der geringeren Mengen abzumildern.

• Weinbergfläche: Die weltweite Rebfläche setzte ihren Rückgang im Jahr 2024 fort und schrumpfte um 0,6 % auf 7,1 Millionen Hektaren. Dies ist das vierte Jahr in Folge mit einem Rückgang, der auf die Rodungen von Weinbergen in den wichtigsten Weinanbaugebieten beider Hemisphären zurückzuführen ist und alle Trauben für die Wein- und Lebensmittelherstellung betrifft.

• Weinproduktion: Im zweiten Jahr in Folge beeinträchtigten extreme Klima­bedingungen und der daraus resultieren-de Krankheitsdruck die Weinbaugebiete weltweit stark und führten zu einer historisch niedrigen globalen Weinproduktion. Wie bereits 2023 wurden diese Umstände durch den wirtschaftlichen und markt­bedingten Druck noch verschärft. Im Jahr 2024 sank die Gesamtproduktion auf 225,8 Millionen Hektoliter – den niedrigsten Stand seit über 60 Jahren – und damit um 4,8 % gegenüber dem Vorjahr.

• Weinkonsum: Im Jahr 2024 wird der weltweite Weinkonsum auf 214,2 Millionen Hektoliter geschätzt, ein Rückgang von 3,3 % gegenüber dem bereits niedrigen Niveau von 2023. Die sinkende Nachfrage in den wichtigsten Märkten, gepaart mit hohen Durchschnittspreisen – bedingt durch geringe Produktionsmengen und die anhaltenden Auswirkungen der vergan­genen Inflation – sorgten für ein heraus­forderndes Jahr. Einige Schlüsselmärkte zeigten sich jedoch trotz dieser Schwierigkeiten widerstandsfähig.

• Internationaler Weinhandel: Im Jahr 2024 wurde der internationale Weinhandel durch geringe Produktionsmengen und hohe durchschnittliche Ex­­portpreise beeinträchtigt. Während das Gesamtexportvolumen mit 99,8 Millionen Hektolitern relativ niedrig blieb – ähnlich wie im Jahr 2023, aber 5 % unter dem Fünfjahresdurchschnitt –, wurde dies durch einen starken Exportwert von 35,9 Milliarden Euro ausgeglichen. Der durchschnittliche Exportpreis blieb stabil bei 3,60 Euro pro Liter und blieb damit auf dem Rekordniveau von 2023.

 

Top 10 Länder ­(Rebfläche)
Spanien 930 000 ha
Frankreich 783 000 ha
China 753 000 ha
Italien 728 000 ha
Türkei 402 000 ha
USA 385 000 ha
Argentinien 200 000 ha
Rumänien 187 000 ha
Indien 185 000 ha
Portugal 173 000 ha

Top 10 Länder (Weinproduktion)
Italien 44,1 mhl
Frankreich 36,1 mhl
Spanien 31 mhl
USA 21,1 mhl
Argentinien 10,9 mhl
Australien 10,2 mhl
Chile 9,3 mhl
Südafrika 8,8 mhl
Deutschland 7,8 mhl
Portugal 6,9 mhl

Top 10 Länder (Weinkonsum)
USA 33,3 mhl
Frankreich 23 mhl
Italien 22,3 mhl
Deutschland 17,8 mhl
UK 12,6 mhl
Spanien 9,9 mhl
Russland 8,1 mhl
Argentinien 7,7 mhl
Portugal 5,6 mhl
China 5,5 mhl

 

Lage der Schweiz

Die gesamtschweizerische Rebfläche um­­fasste im Jahr 2024 14 484 Hektaren. Das sind 85 Hektaren weniger als im Vorjahr (–0,6 %). Die mit weissen Rebsorten be­­pflanzte Fläche macht 6469 Hektaren aus (–14 ha bzw. –0,2 %), während die mit roten Rebsorten bepflanzte Fläche 8015 Hektaren beträgt (–71 ha bzw. –0,9 %). Der Flächenanteil der weissen Rebsorten bleibt mit 45 Prozent verglichen mit 2023 nahezu unverändert, jener der roten Rebsorten liegt bei 55 Prozent.

Der Kanton Wallis ist weiterhin der Kanton mit der grössten Rebfläche. Diese be­­trug im Jahr 2024 insgesamt 4616 Hek­taren, d. h. 21 Hektaren weniger als im ­Vorjahr (–0,5 %). Somit macht die Reb­fläche des Wallis 32 Prozent der Gesamtrebfäche der Schweiz aus. Der Kanton Waadt folgt mit 3747 Hektaren an zweiter Stelle, verzeichnet aber ebenfalls einen Rückgang von 32 Hektaren (–0,8 %). An dritter Stelle folgt der Kanton Genf mit einer Gesamtrebfläche von 1326 Hekta-ren. Auch die Rebfläche im Kanton Tessin ist im Vorjahresvergleich mit 1143 Hek­taren rückläufig (–6 ha bzw. –0,5 %). In der Deutschschweiz verfügt der Kanton Zürich mit 618 Hektaren nach wie vor über die grösste Rebfläche (+13 ha bzw. +2 %), vor den Kantonen Schaffhausen mit 467 Hektaren (+2 ha bzw. +0,4 %) und Graubünden mit 420 Hektaren (–1 ha).

Der Pinot Noir ist mit 3649 Hektaren im­­mer noch die am häufigsten angebaute Rebsorte, obwohl die entsprechende Rebfläche 2024 weiter abgenommen hat (–53 ha bzw. –1,4 %). Ebenfalls zurück­gegangen ist die Gesamtrebfläche der am zweithäufigsten angebauten Rebsorte Chasselas, die sich auf 3444 Hektaren beläuft (–58 ha bzw. –1,7 %). Die Anbau­fläche von Merlot als drittwichtigster ­Rebsorte ist mit 1216 Hektaren auch ge­­schrumpft (–5 ha bzw. –0,4 %). Andere ­Rebsorten werden hierzulande hingegen immer populärer. Dazu zählen insbesondere Divico (+9 ha bzw. +9,7 %) und Souvignier Gris (+11 ha bzw. +23,5 %) – zwei Rebsorten, die pilzwiderstandsfähig sind.

Im Jahr 2024 betrug der Gesamtwein­konsum 218,4 Millionen Liter, was einer Abnahme um 18,6 Millionen Liter (–7,9 %) entspricht. Konsumiert wurden rund 80,3 Millionen Liter Weisswein und 138,1 Millionen Liter Rotwein (Roséwein inbegriffen). Der im Vorjahresvergleich rückläufige Weinkonsum wird sowohl beim Weisswein (–5,9 %) als auch beim Rotwein (–9 %) deutlich. Auch der Schaumwein­konsum fiel 2024 mit 22,8 Millionen Litern geringer aus (–2,5 %). Der Vergleich zwischen hiesigen und ausländischen Weinen zeigt, dass deutlich weniger Schweizer als ausländische Weine konsumiert wurden. 2024 waren es insgesamt 77,4 Mil­lionen Liter Schweizer Wein, was einem deutlichen Rückgang um 16 Prozent gegenüber 2023 entspricht. Aus der detaillierten Analyse der Zahlen geht hervor, dass der Konsum von Schweizer Weinen signifi-kant zurückgegangen ist. So wurden 2024 insgesamt 37,7 Millionen Liter Schweizer Rotwein konsumiert, also rund 10 Mil­lio­nen Liter (–20,7 %) weniger als 2023. Der Konsum von Schweizer Weisswein sank ebenfalls, und zwar um 4,9 Millionen auf insgesamt 39,7 Millionen Liter (–11 %). 

Quellen: OIV Internationale Organisation für Rebe und Wein und BWL Weinjahr 2024

 

Chandra Kurt, Autorin Weinseller 2026

 


https://weberverlag.ch/products/chandra-kurt-weinseller-2026?srsltid=AfmBOors7cRZTbqucMi_oxhArpp-tN_2TOramndV_qmQnsKaJkIk69T2

Zurück zu den Artikeln