Unser Hotel des Jahres fliegt in der Deutschschweiz ein bisschen unter dem Radar. D’accord; Diskretion ist in der Vallée de Joux gang und gäbe. Architektonisch, baulich und operationell zieht das Hôtel des Horlogers als strahlendes Vorbild neben Uhrenfans allerdings auch Designliebhaberinnen, Architekturfreunde und -studierende aus der ganzen Welt an.
Text: Andrin Willi
Waren Sie schon in Brassus? Kennen Sie die Vallée de Joux? Waadtländer Jura? Perfekt für Liebende! Wer Uhren, die Natur, wer schöne Strassen, gutes Essen oder Sport, wer Architektur liebt, die Ruhe schätzt und alles in einem eleganten, barrierefreien und nachhaltigen Ambiente erleben möch- te, ist am Ziel. Willkommen in der Wiege der Haute Horlogerie, willkommen im Hôtel des Horlogers. Ein technisches Meisterwerk und eines der nachhaltigsten Hotels der Schweiz. Konzipiert wurde es in dergestalt, dass die Auswirkungen auf die Natur so klein wie möglich gehalten werden können. Bereits beim Bau wurde diese Haltung verinnerlicht, aber auch im Alltag und im Umgang mit den Ressourcen nimmt die ökologische Verantwortung einen grossen Stellenwert ein. Der Fussabdruck ist gering und die 68 Solarpanels produzieren mehr Energie, als derzeit benötigt wird. Apropos: das Hôtel des Horlogers ist das erste Hotel in der Schweiz, dass das Minergie-Eco- Zertifikat erhalten hat. Schön und gut, aber ist das sexy?

Hôtel des Horlogers, Vallée de joux, Le Brassus
Wer Stille aufreizend findet und avantgardistische Architektur schätzt, wird sich verlieben. Vielleicht auch in die selbstgebackenen Pains au Chocolat und Brote am Frühstückstisch. Im Zimmer liegt man und fühlt sich, wie wenn man auf der Wiese am gegenüberliegenden Risoux- Waldrand entlang spazieren würde, sehr entspannt. Für ein Hotel ist das zickzackartig angelegte Gebäude unüblich. Unüblich clever, auch im täglichen Handling und den Abläufen für die Angestellten. André Cheminade sorgt mit diesem eingespielten Team dafür, dass auch das Gästeerlebnis nicht auf der Strecke bleibt. «Dafür trainieren, trainieren und trainieren wir», sagt er. Ausgezeichnet wurde er dafür mit dem «EHMA Best Practices Award» für zukunftsweisende Praktiken und Ideen der Hotellerie. Fehlt eigentlich nur noch ein Gourmetlokal. Auch das gibt es. Naturellement. La Table des Horlogers nennt es sich und Emmanuel Renaut, Meilleur Ouvrier de France und 3-Sterne-Koch, verantwortet die Küchenleistung. Leider ist der Chef nur via Videobotschaft zugänglich und nicht persönlich vor Ort. Aber gerade so ein intimer Ort, an dem es nur einen Tisch gibt, unter dem man seine Füsse auf den Waldboden ausstreckt, lebt von Persönlichkeit. Also doch lieber in die einfachehrlichere Brasserie Le Gogant? Fest steht; für beide Restaurants sind dieselben Köche viel in der Natur oder im Garten vor dem Haus unterwegs und diese handwerkliche Verbundenheit zur Umgebung und den Saisons macht die kulinarische Leistung im ganzen Hotel beachtenswert.
Das organisch vibrierende Gebäude, das der Topografie des Tales folgt, wurde im Auftrag von Audemars Piguet als Designstück von der Bjarke Ingels Group (BIG) aus Dänemark entworfen. Fürs Interior-Design ist das Büro AUM Pierre Minassian aus Lyon verantwortlich. Das Hotel knüpft ans nur wenige Schritte entfernte Museum Atelier Audemars Piguet an, das ebenfalls aus der BIGFeder stammt. Spätestens jetzt wird klar, warum sich im Hôtel des Horlogers so still wie leise VIPs und Ultra-High-Net-Worth-Individuals aus der ganzen Welt die Klinke in die Hand drücken. «Noch nie in meiner Karriere habe ich eine solche Dichte an Persönlichkeiten begrüssen dürfen, wie hier», sagt der international versierte und lokal verankerte Hotelier André Cheminade. Es käme ihm nicht im Traum in den Sinn einen Kunden oder eine Kundin beim Namen zu nennen, denn diese Menschen werden bei AP minutiös selektioniert.
Wer eine Einladung in die heiligen AP-Hallen nach Brassus erhält, gehört ziemlich sicher zum engeren Kreis. Der Historiker Pierre-Yves Donzé sagt zu diesem Thema: «Eine Luxusmarke muss seine Kunden dominieren». Der Professor für Unternehmensgeschichte an der Uni Osaka wird es wissen; 2025 ist sein Buch über Rolex («Die Exzellenzfabrik») erschienen. Und trotzdem behandelt André Cheminade die «Auserwählten » wie die Einheimischen, die zum Kaffee an der Bar oder zum Lunch in die Brasserie einkehren. Gerade weil das Haus für alle offensteht und man keine 5-Sterne-Allüren hat und will, ist das Hôtel des Horlogers auch ein Zentrum für Fans, Freunde, Mitarbeitende und Kundinnen aller anderen berühmt-berüchtigten Uhrenmarken der Region. Darauf verweist bereits der Hotelname.
