Wann wurden Sie das letzte Mal so richtig begeistert vom Enthusiasmus Ihres Gegenübers für eine Sache?
Text: Marc Almert *
Eigentlich ist es eine Kerndisziplin unserer Branche: Gäste begeistern und mit der eigenen Leidenschaft für unseren Beruf anstecken. Hierdurch gleichzeitig bei Kolleginnen und Kollegen den Berufsstolz sowie die Freude an der Arbeit fördern und dies im besten Falle unseren Lernenden mit auf ihren Weg geben.
Nicht selten liest und hört man jedoch vom Fachkräftemangel in unserer Branche. Oft fällt in dem Atemzug auch die Bemerkung, dass es kaum noch motiviertes Personal gäbe und solch enthusiastische Situationen seltener werden.
Globale Herausforderungen
Unbestritten sind das grosse Herausforderungen. Diesen stellen sich unsere Berufsverbände, die aktiv die gastgebenden Berufe fördern und bewerben. Wie wichtig dies auch auf einer globalen Ebene ist, zeigen u. a. die Jeunes Restaurateurs, der AICR oder im Falle der Sommellerie die ASI, der für die Schweiz die ASSP angeschlossen ist.
Die Bildungsprojekte dieses Vereins mit beinahe 70 Mitgliedsländern darf ich nun schon seit einigen Jahren begleiten. Bei den Trainings, die in Europa durchgeführt werden, erlebt man leider zunehmend eine gewisse Sättigung bei den Teilnehmenden. Vereinzelt hat man das Gefühl, dass sie ein «Pflichtprogramm» absolvieren, auch bei den Serviceschulungen.

* ASI Best Sommelier of the World 2019, Geschäftsführer Baur au Lac Vins und Chef-Sommelier Baur au Lac
Südamerikanische Somms gieren nach Know-how
Ganz anders durfte ich es im pulsierenden São Paulo erleben. Dort trainierte eine Gruppe aus internationalen Master Sommeliers, Master of Wines und Wettbewerbsgewinnern im Zuge eines «Bootcamps» knapp 50 Sommelières und Sommeliers aus mehrheitlich südamerikanischen Spitzenrestaurants.
Der Hunger auf Wissen und neue Kontakte dieser Kolleginnen und Kollegen, ihre Leidenschaft, ihre Energie – all das hat uns Dozierende vermutlich mehr inspiriert und begeistert, als wir die Teilnehmenden begeisterten. Michelin ist in diesen Ländern zum Beispiel fast unbekannt. Dort ist der Druck, die Restaurants und die eigenen Leistungen bekannt zu machen somit fast grösser – und das bei ganz anderen Budgets. Die Somms dort gieren nach internationalem Know-how, gründen aktuell Sommelierverbände und führen neu Ausbildungen ein, die es bei uns schon seit Jahrzehnten gibt.
Stolz auf das Eigene, offen für das Andere
Das gelebte Gastgebertum dieser südamerikanischen Lebensfreude sah man vor allem im Miteinander der Gruppe. Jede und jeder hatte etwas aus ihrem bzw. seinem Land mitgebracht, teils Wein, teils Spirituosen, teils Schokolade, teils Glücksbringer, und teilte dies mit der Gruppe. Sie erläuterten die dazugehörigen Bräuche und Traditionen. Dies stets mit solch einem Stolz in der Stimme, Leuchten in den Augen und Offenheit für das Gegenüber, dass man sofort mitgerissen wurde.
Oft hilft solch ein Blick über den Tellerrand des eigenen Landes oder gar Kontinents, um eine neue Perspektive auf den eigenen Beruf zu erhalten und auch um Motivation mit heimzunehmen. Gerne möchte ich Sie daher ermuntern, sich in Ihre Berufsverbände aktiv einzubringen und mitzuhelfen, noch viele junge, motivierte Kolleginnen und Kollegen in unsere Branche zu bringen.
Übrigens, wer das Können der internationalen Sommellerie live erleben möchte, sollte im Oktober nach Lissabon zur nächsten Weltmeisterschaft reisen. Dem Schweizer Kandidaten, Mikaël Grou, wünschen die Schweizer Sommelierverbände viel Erfolg – und vor allem Freude.
