Tilla Theus – Architektur mit Eigensinn

Tilla Theus – Architektur mit Eigensinn

Es war einer der ersten heissen Juni-Tage, ART Basel-Preview, der Tag, wo schon frühmorgens exotisch anmutende Paradiesvögel und exklusiv angezogene Menschen in der Stadt flanieren. Und die Swiss Design Awards verliehen werden, die höchsten Auszeichnungen für Design, Kunst und Architektur, die die Schweiz zu vergeben hat.

Suzanne Schwarz

 

Die Architektin Tilla Theus erhält den Schweizer Grand Prix Kunst – Prix Meret Oppenheim 2026
Tilla Theus, die Pionierin der Schweizer Architektur, ist eine Schlüsselfigur der modernen Schweizer Architektur. Sie hat die Architekturgeschichte des Landes mit ihrem vielseitigen Werk dank ihrem Können, Engagement, Herzblut und Disziplin geprägt. Die Eidgenössische Kunstkommission würdigt mit dem lange fälligen Schweizer Grand Prix Kunst – Prix Meret Oppenheim auch ihre vorbildliche Arbeit im Umgang mit historischer Bausubstanz, Bauen im Bestand. Im Kontext einer nachhaltigen und ressourcenschonenden Architektur seien solche Ansätze heute besonders wertvoll. Vor dem Hintergrund der puristischen, funktionalen Architektur ihrer Zeit entwickelte sie zudem eine Architektursprache, die von Farben, Ornamenten und Stimmungen geprägt ist. Ihr berühmtestes Projekt ist das Fünfsternehotel Widder in Zürich, das aus dem Umbau von acht alten Handwerkshäusern am Rennweg entstanden ist.

Der grosse Caspar-Wolf-Saal mit dem skulpturalen Dach verbindet den Neubau,
das Haus Wolf, mit dem Altbau Ochsen 1596 und bietet Raum für bis zu 120 Gäste.

 

Tilla Theus schloss 1969 ihr Architekturstudium an der ETH Zürich ab und eröffnete sofort ihr eigenes Architekturbüro. Ihre Architektur ist einladend, auch für die Menschen, die sie bewohnen. Grosse Verdienste erwarb sie mit ihrem unverwechselbaren Können, historischen Gebäuden ein neues Leben und Neubauten ein Gefühl von atmosphärischer Wärme zu verleihen.

Die Architektin Tilla Theus kann, als eine der wenigen Grossen ihrer Zunft, auch Innenarchitektur, das Bauen von  innen nach aussen. Dafür, wie für ihre Sorgfalt und Stilsicherheit, wurde sie bereits 2022 von der Vereinigung der Schweizer Innenarchitektinnen VSI.ASAI. mit dem WID World Interiors Day-Award ausgezeichnet.

Die Suite im Haus Adler mit den historischen Wandund Deckenmalereien und 
Designklassikern von Corbusier und Verner Panton erlaubt den Blick auf den 
angrenzenden Klostergarten.

 

Die Bedeutung der Architektur für Kultur und Identität
Mit dem Stadthotel Widder in Zürich und dem ländlichen Hotel Caspar in Muri AG stehen zwei Gebäudekomplexe der Schweizerischen Hotel-Architektur, die für viele nachfolgende Gestalter Vorbild und Inspiration sind und, wie beim Widder, Generationen von Besuchern immer wieder Freude machen. Der Grand Prix – Prix Meret Oppenheim war Anlass, der Architektin ein paar Fragen zu ihrem Wirken und ihrem Erfolg zu stellen:

Architekten können eigentlich nicht Innenarchitektur: Sie sind eine der wenigen Ausnahmen, das sieht ja auch die VSI.ASAI so, die Vereinigung der Schweizer Innenarchitekt:innen, die Sie 2022 mit dem WID-World Interiors Day-Award ehrten. Welches Wort beschreibt Sie besser als jedes andere?
Visionär und perfektionistisch bis ins Detail.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie «durch das Zeichnen denken»? Ich habe das vor Jahren von Willy Guhl als Mittel zum Begreifen gehört, im Sinne auch von «mit den Händen denken» später auch von den drei atelier oï-Gründern. Ist das ein Schlüsselwort für herausragende gestalterische Arbeit?
Es ist ein Denken mit der Hand, mit wachem, präzisem Geist. Ich bin ein haptischer Mensch und muss etwas ergreifen, um es zu begreifen.

Alle sind willkommen in der Gaststube im Adler. Das Dorfrestaurant mit 
urbanem Flair überzeugt mit bequemen eleganten Sesseln wie traditionellen
Stühlen und Tischen mit Beizencharme.

 

Was reizt Sie, ein Projekt zu übernehmen?
Der Ort, die Situation, das Umfeld verknüpft mit der oft historischen Bausubstanz und den Persönlichkeiten der Bauherrschaft.

Weshalb «nur» oder vorwiegend in der Schweiz?
Es gab verschiedene Möglichkeiten, im Ausland zu bauen. Es hat mich auch interessiert, aber die Kundschaft war meist sehr exklusiv und anspruchsvoll im Umgang. Einer der Bauherren verlangte, dass ich innert zwei Stunden zur Verfügung stehe, wenn er eine Zeitspanne in seiner übervollen Agenda frei hätte. Und dafür würde er mir seinen Privatjet schicken. Wir haben das ein paar Wochen versucht. Denn die Situation war äusserst interessant und der Auftrag grossartig. Aber leider doch nicht vereinbar mit einem kleinen Team und dem Büroalltag.

Ihre Hotels erzählen Geschichten, wie entstehen die?
Durch die Architektur? Den Ort? Die Innenarchitektur Durch die Geschichte des Gebäudes selbst, das wir in langen Studien sehr aufwendig analysieren und mit vergleichenden Kenntnissen anreichern. Diese werden mit eigenen, neuen Ideen ergänzt, die mithelfen, die Seele des Gebäudes über die Zeit hinaus weiterzutragen.

Chic und rustikal zugleich präsentiert sich die Boucherie August, das Restaurant
des Widder Hotels im alten Haus am Rennweg in Zürich.

 

Fast immer bestehen bekanntlich unterschiedliche Interessen zwischen Investor / Betreiber / Interior Designer / Haben Sie ein Rezept punkto Überzeugungsarbeit hinsichtlich Ihres Storytellings?
Das ist härteste Knochenarbeit, für die meist ein grosser Zeitaufwand und profunde Kenntnisse notwendig sind. Das Ziel ist immer, auf die verschiedenen Aspekte der einzelnen Mitspieler kompetent reagieren zu können und einen gemeinsamen Nenner zu entwickeln, der die unterschiedlichen Auffassungen integriert und zu einem neuen Ganzen zusammenfügt. 

Lobbyieren entstand wahrscheinlich in einer Lobby. Man schenkt Hotel-Lobbys wieder vermehrt Aufmerksamkeit, ist dieser Eindruck richtig? Wie und womit reagieren Sie darauf?
Mit einem anderen Erlebnispotenzial, das wir mit Freuden neu entwickeln wollen. Indem wir unsere Business-, Lobby- und Lounge-Bereiche neu denken und zu gemütlichen Lounge-Zonen für die Freizeit umgestalten, wo auch längeres Verweilen Freude schenkt. Denn der Gast hat mehr Zeit und Musse, weil er in Ferienstimmung ist und nicht im harten, knappen Businessleben. Von Business zu Freizeit. Das bedeutet, Business steht für klar, knapp, eher kühl, präzis und Freizeit für entspannt, Zeit haben, atmosphärisch dicht, warm und kuschelig.

Wie würde ein Hotel ganz nach Ihren Bedürfnissen und Vorstellungen aussehen, wo wäre es?
Gemütlich, klassisch, bequem. Einerseits, aber auch mit bewusst gesetzten Bruchstellen, die erstaunen und anregen. Ein Gebäude, das aus seiner Geschichte heraus weiterentwickelt wird und zu neuen Geschichten führt, die der Gast mitprägt.

Sie schaffen Räume, in denen Menschen sich wohlfühlen. Dazu habe ich im kürzlichen Monocle-Interview Ihre Aussage zu Ihrer Architektur gefunden, die ich gern übernehmen möchte:
Ich folge seit jeher meiner Überzeugung, dass es bei Architektur nicht um Selbstdarstellung geht, sondern darum, Räume für Auftraggeber, Nutzer und sogar Passanten zu schaffen – Räume, in denen sich Menschen wohlfühlen. Das erfordert Zuhören, Analysieren, Entwerfen, Verwerfen und Kämpfen für die beste Lösung. Die Voraussetzungen sind ein ausgeprägter Sinn für Qualität, Kreativität, Ausdauer und Entschlossenheit. Gute Architektur hängt auch von einem engen Dialog zwischen Auftraggeber und Architekt ab.

Der Widder wurde während zehn Jahren umgebaut – ist er nun fertig gebaut? Ist das Monocle Townhouse nun die letzte Station?
Zum Townhouse kann ich nichts sagen. Das haben wir leider nicht in unserer Verantwortung gehabt. Der Widder wurde während zehn Jahren archäologisch erfasst, daraus eine Vision entwickelt, darauf geplant und später genau so realisiert, wie man es heute noch erlebt. Auch ein Gebäude hat aber einen Lebenszyklus. Das Widder Hotel wurde 1995 eröffnet und hat in den ersten zwanzig Jahren einen normalen kleinen Unterhalt benötigt, und dann, nach zwanzig Jahren, einen sehr sanften Relaunch erfahren, indem wir Farben verändert und Stoffe umgedreht haben. Das heisst, das hochwertige Futter der Vorhänge wurde zum eigentlichen Vorhang und der ehemalige Vorhang wurde zum neuen Futter. Wenn es gelingt, hochwertige Materialien verarbeiten zu dürfen, so können diese ähnlich einer Garderobe verändert und weiterverwendet werden. So wirkt das Gesamtbild immer frisch, neu und doch vertraut. Das ist echte Nachhaltigkeit.

Vom Erdgeschoss ins erste Obergeschoss der Widder-Bar führt den
Treppen entlang eine gefaltete und gekippte Silberwand.
Mit feinen Hammerschlägen bearbeitet, erzeugt sie kleine Lichtspiegelungen.

 

Licht, moderne Kunst von Beat Zoderer und Farben prägen
das zeitlose Ambiente der Duplex Suite im Hotel Widder.

 

Architektur und Innenarchitektur: Tilla Theus und Partner AG, tillatheus.ch Bilder: Porträt Tilla Theus: Lukas Lienhard; alle Interior-Bilder: Luca Zanier

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