Hätte es die Zeit erlaubt, wir hätten am Schluss unseres Gesprächs noch eine weitere Piste eröffnen können. Simon Schenk, Direktor des Guarda Golf Hôtel & Résidences in Crans-Montana, bemerkt fragend: «Warum kleiden sich Hoteliers eigentlich sehr häufig wie Banker?» Eine kleine Denksportaufgabe, ohne Auflösung. Warum das Du in seinem Hotel keinen Platz findet, das weiss er allerdings sehr genau. Aber starten wir am Anfang: Simon Schenk beschreibt sein Hotel, das er persönlich im Mandat mit seiner Firma Silsile führt.

Sehr intim, sehr persönlich. Jeder Gast erhält eine handgeschriebene Welcome- Karte von mir – das macht den Unterschied. Es ist ein kleines Haus, mit wenig offensichtlichen Superlativen. Den Unterschied müssen wir anders machen – durch persönliche Beziehung. Jeden Tag wird im Team besprochen, was wir den Gästen – sehr viele sind Stammgäste – Besonderes bieten können. Als kleines Hotel sind wir wirklich gefordert.» Das Guarda Golf Hôtel & Résidences umfasst fünf Gebäude. Zwei davon bilden ein klassisches Luxushotel. Im einen Gebäude gibt es 23 Hotelzimmer, im andern sechs Suiten (225 m2) mit je drei Schlafzimmern. So können in den 41 «Zimmern » rund hundert Gäste Platz finden. In den drei weiteren Gebäuden befinden sich verkaufte private Residenzen, die von ihren Besitzern bewohnt und genutzt werden, ohne dass sie bei Leerstand vermietet würden. Als besonderes Angebot können die Residenz-Wohnungen den gesamten Hotelservice nutzen.
Nichts Gekünsteltes, nicht Business
«Unsere Gäste sind alles Super-high-end-Gäste. Mindestens ein Drittel kommt mit dem Privatflugzeug. Sie suchen hier in Crans-Montana unkomplizierte Freizeit, persönlichen Luxus, nichts Gekünsteltes, nicht Business. Wichtig ist, dass die Gäste sich wohl fühlen. Dabei ist nicht wichtig ob dann im Restaurant von links oder rechts serviert wird oder sich auch einmal ein Fehler einschleicht. Wir haben zwei Karten – überall und jederzeit kann man bei uns alles essen. Immer ist Alles möglich. Das ist unsere Philosophie.»
Direktor auf Augenhöhe
Das Guarda Golf Hôtel & Résidences wurde 2009 eröffnet und von der Eigentümerin geführt. In den Jahren 2014–2018 führte Simon Schenk das Haus als erster angestellter Direktor. Ihm gelang es, das Geschäftsvolumen zu verdoppeln und die Organisation weiterzuentwickeln und auszubauen. Auf eigenen Wunsch verliess er das Guarda Golf, um seine eigene Firma Silsile GmbH zu gründen. Ihren primären Fokus setzt die Beratungsfirma in den Bereichen Hospitality, Tourismus und Immobilien und vermittelt dabei auch Beteiligungen, Investments oder andere Finanzierungsgeschäfte. Als besonderes Mandat, nach dem zweijährigen Aufbau seiner Firma, führt Simon Schenk seit 2020 erneut das Guarda Golf Hôtel. Diesmal als Owner’s Representative & Hotel Manager. Im ersten Jahr (2020) als Testsaison und seither als Hotel-Direktor, der das Haus in der Winter- und Sommersaison operativ und vor Ort führt. In der zweiten Ära sei es ein «anderes Zusammenarbeiten», nicht angestellt, sondern als Dienstleister für die Kundin, die zugleich Eigentümerin des Hotels ist. «Es läuft sehr gut. Sehr persönlich. Es ist ein Austausch auf Augenhöhe », zieht Simon Schenk eine äusserst positive Zwischenbilanz. Zudem würden seine anderen Tätigkeiten in seiner Firma auch viele Inspirationen bringen, die auch für das Hotel sehr nützlich seien.
Fast ein Club für Kunst und Kultur
«Diese Inspirationen sind äusserst vielfältig. Beispielsweise aus Kontakten mit verschiedensten Personen aus der Politik, der Kultur oder der Welt des Rechts. Als Stiftungsrat bin ich in zwei Genfer Stiftungen, die sich um die Förderung von Kunst und Kultur kümmern. Das bringt mir sehr viel, denn in Crans-Montana sind Kunst und Kultur sehr wichtig. Eine besonders gute Zusammenarbeit habe ich mit der Vereinigung Swiss Made Culture, die schweizerisches Kunstschaffen fördert und in den Austausch mit der globalen Welt bringen möchte. Dem Initiant, Herrn Botschafter Barras, der die Schweiz in verschiedenen Ländern repräsentiert hat, gelingt es mit Tagungen, Events oder Dinners für Mäzene und Sponsoren Verbindungen zum Guarda Golf Hôtel und zu Crans-Montana herzustellen. Ja, unser Hotel ist mit seinen Banketten und Cocktails zu einer Art Drehscheibe, zu einem besonderen Netzwerk, ja fast einem Club für die Interessierten geworden.»
Geopolitik: Crans-Montana statt Dubai
«Die Schweiz kann von den geopolitischen Entwicklungen profitieren, nicht nur der Tourismussektor, sondern als Land generell. Die Schweiz steht seit langer Zeit für Sicherheit im Gegensatz zu anderen Ländern wie beispielsweise Dubai. Für viele Menschen ist die Schweiz mit ihrer Natur, den Alpen, die heile Welt, das zeigte sich schon während Covid – die Schweiz ist ein wenig ein Paradies. Auch wenn die Dubai-Kundschaft kurzfristig fehlen wird, aber sie kommen wieder. Ich bin nicht pessimistisch, wie viele Touristiker, die sich gerne wie die Bauern beklagen.»
Simon Schenk
Mund-Schenk
Familiär war Simon Schenk auf keine Weise für die Hotellerie prädestiniert. Die Branche habe ihn einfach seit seiner Kindheit interessiert. Zudem kreierte er bei unserem Austausch eine besondere etymologische Herleitung: «Der Mund- Schenk – das war der Sommelier der Könige – liegt mir vielleicht tatsächlich irgendwie im Blut. Hotels haben mich immer fasziniert. Das Ästhetische, die Lobby, das Restaurant, da könnte ich den ganzen Tag sitzen, zuschauen und beobachten. Die Hotelier-Ausbildung machte ich bei der EHL in Lausanne. Noch heute bin ich dankbar, dass mich meine Eltern gepuscht haben, das ganze Studium, das ich 2003 abschloss, in französischer Sprache zu machen.»
Nach der EHL-Ausbildung habe ich mich auch bei Nespresso beworben. Beim Vorstellungsgespräch merkte ich jedoch, das ist nicht mein Ding. Der Einstieg in die Luxus-Hotellerie schaffte ich in der Rezeption des Beau Rivage in Lausanne. Ich wollte immer in die Luxus-Hotellerie, denn da ist sehr viel, sehr schnell möglich. Das war für mich wichtiger als viel Geld zu verdienen. Von der Rezeption ging es dann zu Verkauf und Marketing. Anschliessend folgte Guest Relations, eine Aufgabe, die neu geschaffen wurde und die ich als erster übernehmen durfte. Weil es auch in der Hotellerie oft jemanden gibt, der einem fördert, möglicherweise ohne, dass man es bemerkt, muss man das Beste geben, echt sein, und zwar immer. Dann ergeben sich Sachen, so habe ich auch die Aufgabe Guest Relations bekommen. Eine vorgesetzte Kollegin hatte sich aufgrund einer Kleinigkeit – ich erläuterte eben angekommenen Gästen die Hotelgeschichte, als ich sie auf ihr Zimmer begleitete – an diese Begebenheit erinnert. Sie erzählte mir später, die kleine Geschichte habe ihr gezeigt, dass ich mich voll und ganz mit dem Beau Rivage identifiziere. So hat sich ein nächster Karriereschritt aus einer Kleinigkeit ergeben, der ich mir überhaupt nicht bewusst gewesen war. Für mich war das Erzählen der Hotelgeschichte eine beiläufige Selbstverständlichkeit. Völlig unerwartet hat das einige Zeit später Früchte getragen und eine berufliche Weichenstellungen ermöglicht. Nicht weil ich es unbedingt wollte, sondern weil ich mich immer mit meiner Aufgabe identifizierte, was bemerkt worden war.»

Von Hotel- und anderen Sternen
«Ich habe kein einfaches Verhältnis zu den Sternen in der Hotellerie. Auch wenn unser Haus als Fünf-Sterne-Superior Hotel ausgezeichnet ist, ist es etwas schwierig, etwas speziell. Denn wir wollen hier, trotz den Sternen, nichts Kompliziertes anbieten. Sterne und sich Wohlfühlen stimmen in Hotels nicht immer überein. Aber Sterne geben ein Gerüst. Unsere Mitgliedschaft bei den Leading Hotels of the World oder den Swiss Delux Hotels geben ein gewisses Versprechen ab. Die Sternzeichen, ja die interessieren mich. Ich bin Stier mit Aszendent Löwe; aber die Sternstellungen kenne ich nicht. Früher habe ich Horoskope immer gelesen, heute allerdings nicht mehr. Warum? Weil es meistens Blabla ist. Aber dennoch glaube ich, dass es Leute gibt, die gewisse Sachen anders spüren als wir.»
Das Schöne, Wahre, Gute
Was ist für Dich das Schöne?
«Der Genuss, das ist Hotel. Das Ambiente, das Essen und vieles mehr.»
Was ist für Dich das Wahre?
«Persönliche Beziehungen, interessiert sein, wahr sein.»
Was ist für Dich das Gute?
«Leute glücklich machen.»
Lead by example
Die offizielle Berufsbezeichnung von Simon Schenk im Guarda Golf lautet Repräsentant der Eigentümer und Hotel-Direktor: «Das vertragliche Konstrukt zwischen mir und der Eigentümerin ist nicht relevant. Die Gäste wollen einen Gastgeber. Das bin ich voll und ganz. Ich bin da, wenn das Hotel offen ist, so als wäre es mein Haus. Unverzichtbar ist das Team, auch wenn ich nicht da bin. Man muss Leute haben, die die Kontinuität gewährleisten. Wir haben hier glücklicherweise Abteilungsleiter, die ihre Aufgabe seit Jahren erfüllen. Kürzlich habe ich den Küchenchef gewechselt. Übernommen hat die Sous-Chefin. Wichtig ist, immer eine Nummer 2 aufzubauen, jemanden der übernehmen kann und die kompetente Stellvertretung garantiert. Das bringt Stabilität in den Betrieb und schafft für die Mitarbeitenden berufliche Perspektiven. Gut zusammenarbeiten ist mir wichtig. Dafür gibt es für mich ein Motto: Lead by example. Sich vorbildlich verhalten ist meine Devise. Ich muss und will immer korrekt sein. Ich muss motivieren können – auch die Mitarbeitenden in jenen Jobs, die vielleicht nicht so spannend sind, wie beispielsweise das Housekeeping. Bei uns ist das die Abteilung mit den wenigsten Wechseln, obwohl sie nicht superattraktiv scheint. Es muss also andere Motivationen geben. Für mich sind die Gespräche mit den Mitarbeitenden sehr wichtig, sich wirklich für sie zu interessieren. So gelingt es, eine Community – keine Familie – zu werden.»
Vom Du und einem Theaterstück
«Wichtig ist mir, die verschiedensten Persönlichkeiten in unserem Hotel zu akzeptieren. Das geht auch ohne Du. Mich nennen hier alle Monsieur Schenk. Ich sage immer Vous und den Vornamen. Das ist nicht altmodisch, sondern eine Form des Respekts. Mit den Gästen gilt selbstverständlich das Sie. Und wenn es zu einem Du kommt, so muss der Gast es anbieten. Ja, ich bin da sehr zurückhaltend. Hoteldirektor ist mein Job. Ich will keine zu grosse Nähe. Ich und die Mitarbeitenden sind hier auf der Bühne. Wir wollen unser Stück möglichst perfekt darbieten. Gerade der Saisonbetrieb ist gut mit einem Theaterstück vergleichbar – wir proben, dann geht der Vorhang auf und wenn der Vorhang Ende Saison gefallen ist – stellen wir uns der Kritik, um uns für die nächste Saison zu verbessern. »

Über Politik wird nicht geredet
«Im Umgang mit Gästen will ich keine Abhängigkeit. Das Hotel ist ein Haus, da kommen und gehen die verschiedensten Leute – Alter, Herkunft, Kulturen. Da möchte ich mich persönlich nicht zu stark eingeben und schon gar nicht über Politik reden müssen. Ich will neutral sein, nicht zu nahe sein. Ich verkaufe etwas. Sie zahlen dafür und haben bestimmte Erwartungen. Hotellerie ist ein Business.»
Hoch vertraulich: schlafen, essen, trinken
«Was wir verkaufen, ist sehr intim. Wir verkaufen Schlaf. Im Schlaf sind wir angreifbar, ausgeliefert. Wir verkaufen Essen und Trinken, das die Gäste in ihren Körper einführen. Das ist eine hoch vertrauliche und vertrauensvolle Tätigkeit. Hotellerie ist sehr intim. Eine gewisse Nähe im Hotel ist selbstverständlich nötig und gut, aber es soll nicht zu nahe sein. Im Hotel weiss der Gast nicht, was er wirklich bekommt. Beim Buchen sieht er schöne Bilder und Angebote. Ob es aber so wird, wie er selbst oder die Mitreisenden es erwarten, wissen wir erst ganz am Schluss, bei der Abreise. Das sehe ich bei jedem Gast als sehr grosse Herausforderung.»
Hotels mit Seele und Geschichte
Simon Schenk besucht sehr gerne andere Hotels. In einem Airbnb oder in grossen Hotelgruppen mag er allerdings persönlich nicht seine Freioder Ferienzeit verbringen. «Das Guarda Golf ist mir bei all meinen Hotelbesuchen ein guter Benchmark. Ich mag Hotels, die eine Seele und eine Geschichte haben. Es müssen nicht Jahrhunderte sein. Einzigartig soll ein Hotel sein und ein gewisses Niveau ist mir wichtig. Mein Lieblingshotel ist das Boutique Hotel Maca Kizi in Bodrum. Ein Ort, wo sich viele Künstler treffen.»

Respektvoll mit der Katastrophe umgehen
Simon Schenk, wie haben Sie die Silvester- Neujahrsnacht 2026 in Crans- Montana erlebt?
«Es war sehr schwierig für uns und unsere Gäste. In unserem Hotel war es eigentlich der schönste Silvester seit Jahren. Um etwa 2 Uhr haben wir den Tanz abgebrochen, obwohl es super lief. Erste Messages liefen ein. Es soll einen Brand geben. Ich dachte mir, das kommt vor, aber es ist nichts besonderes. Dies, obwohl es nur eine Strasse nebenan passierte. Erst als immer mehr Blaulicht zu sehen war, Helis einflogen, bin ich gegen 3 Uhr raus gegangen. Ich wollte die Realität sehen, um sie in Verbindung zu bringen mit der Realität in unserem Hotel. Beim Neujahrs-Brunch in unserem Hotel waren viele Gäste aus dem Ort dabei. Wir führten ihn trotz des Unglücks durch, aber es herrschte eine sehr bedrückte, ruhige Stimmung. Im Januar wurde dann alles abgesagt. Wir hatten wenig Annullierungen, die Stammgäste – häufig Familien, die Freunde im Ort haben – kamen trotz der Katastrophe. Neue Buchungen erhielten wir jedoch sehr wenige. Der Ski-Weltcup im Februar hat geholfen. Dass mit Malorie Blanc eine Rennfahrerin aus der Region gewann, war ebenfalls hilfreich. Zudem hat es dann sehr viel geschneit, alles wurde überdeckt. Das Leben kam zurück. Für die Zukunft müssen wir die Opfer und die Tragödie respektieren. Aber wir werden in Crans- Montana weiterhin Freude und eine schöne Zeit verkaufen. Neujahr bedeutet jeweils das Neue und Zuversicht. Wir müssen einen Weg finden für den respektvollen Umgang mit der Katastrophe. Auf die langfristige Entwicklung von Crans-Montana dürfte sie kaum einen wesentlichen Einfluss haben. Es muss weitergehen.»

7 Fragen – kein Joker
Welchen Platz bekommt der Einzelreisende, wie ich, im Speisesaal?
Den Tisch mit Aussicht auf die Alpen, inklusive Abendrot und das ganze Restaurant. So kann er die Leute beobachten, denn das Restaurant ist eine Aufführung, ein Spektakel, ein Ballett der Gäste.
Grösstes Kompliment von einem Gast?
Das Allerbeste sind Komplimente zu meinem Team.
Grösste berufliche Peinlichkeit?
Da war ich noch jung: In einem Smalltalk hörte ich wie jemand fragt: Sind sie schwanger? Die Frau sagte nein. Da habe ich mir felsenfest vorgenommen, diese Frage in meinem Leben nie zu stellen. Ein Jahr später passierte es mir selbst dennoch …
Ist die Minibar im Hotelzimmer-Preis inbegriffen? Warum ja/nein?
Ja, definitiv – auf unserem Niveau sowieso.
Welches Buch aus der Hotelbibliothek haben Sie gelesen?
Ich lese nicht viele Romane. Aber den Katalog zur Ausstellung «Rodin/ Arp» in der Fondation Beyeler 2021 habe ich mehrmals ganz gelesen.
Was wird in Ihrem Hotel am meisten mitlaufen gelassen?
Gigi, eine kleine Trauffer-Holzkuh, das Maskottchen unseres Hotels
Welche Gäste möchten Sie nie mehr in Ihrem Hotel?
Ich kann mir dieses Privileg nicht nehmen, obwohl es selbstverständlich Regeln gibt, die von den Gästen zu befolgen sind.



1 Kommentar
Bravo Monsieur Schenk
wir fühlten uns immer wie Könige und doch sehr familiär im Hotel Guarda Golf! Wir wünschen Herrn Schenk und seinem Team noch viel Erfolg