«Unterwegs» von Martin Nydegger und Hansruedi Müller zeigt Perspektiven für den Tourismus in der Schweiz auf. In der vorliegenden «Hotelier»-Ausgabe lesen Sie eine gekürzte Fassung der Diskussion der Autoren mit Dr. Marcel Dietrich, Präsident von Reka. Die Genossenschaft ist seit 1939 dem demokratischen Ansatz verpflichtet, erschwingliche Reisen und Ferien für alle zu ermöglichen.
Der Tourismus hat viele Facetten und unterschiedlichste Erscheinungsformen – vom Low-Budget-Camping bis zur exklusiven Luxuskreuzfahrt. Verständlicherweise können sich weniger Menschen hochpreisige Angebote leisten, während günstige Angebote von einer grossen Anzahl in Anspruch genommen werden. (…) Damit der Tourismus akzeptiert wird, muss er für die eigene Bevölkerung erschwinglich sein. Wenn sich die Bevölkerung Reisen im eigenen Land leisten kann, steigt die Toleranz und das Verständnis sowie die Gastfreundlichkeit. Wenn die Bevölkerung die glücklichen Momente des Reisens selbst erlebt, statt sie nur als exklusive Privilegien anderer wahrzunehmen, wirkt sich das positiv auf die allgemeine Tourismusakzeptanz aus. (…)
Um erschwingliche Reisen und Ferien für viele Menschen zugänglich zu machen, scheint es, als müsse die öffentliche Hand tätig werden. Das kann sein, muss aber nicht. (…)
Ein Paradebeispiel ist die 1939 gegründete Genossenschaft Schweizer Reisekasse (Reka). Wir haben den Reka-Präsidenten Marcel Dietrich getroffen, um mit ihm über die Demokratisierung des Reisens und über die Reka als einzigartige Institution zu sprechen. (…)
Tourismus – ein Wirtschaftszweig mit sozial-politischen Akzenten
Marcel Dietrich stellt fest: «Tourismus ist zunächst als Markt im Sinne von Angebot und Nachfrage zu verstehen. Zweitens ist es wünschenswert, dass der Zugang zum Tourismusmarkt wegen seiner positiven Auswirkungen breit ist. Ein solcher breiter Zugang bedingt drittens öffentliche und/oder private Initiativen. Übernutzungen sind schliesslich zu verhindern.»
Hansruedi Müller ist einverstanden, denn Tourismus sei primär ein Wirtschaftszweig, der den Mechanismen von Angebot und Nachfrage folge. (…) Doch bereits im ersten schweizerischen Tourismuskonzept aus dem Jahr 1979 sei als oberste Zielsetzung nachzulesen: «Gewährung einer optimalen Befriedigung der touristischen Bedürfnisse für Menschen aller Volksschichten im Rahmen leistungsfähiger touristischer Einrichtungen und einer intakten Umwelt.» (…)
Im Tourismus seien immer private und öffentliche Güter im Spiel, meint Hansruedi Müller. (…) «Hinzu komme, dass Tourismus als Wohlstandsphänomen eine eher neuzeitliche, westliche Errungenschaft sei, die es in vielen Kulturen dieser Welt bis vor Kurzem noch kaum gegeben habe.»
«Kein Staatsversagen»
Die Erfahrung zeige, meint Marcel Dietrich, dass öffentliche, frei verfügbare Güter die Tendenz haben, übernutzt zu werden, was in Zeiten von Social Media schnell passieren könne. Übergenutzte freie Güter sollten geschützt werden. Dennoch sei es für ihn wichtig, dass auch im Tourismus der Markt spiele. Er sei jedoch einverstanden, dass Reisen und Ferien mehr sind als nur Konsumgüter. (…) Deshalb sei ein breiter Zugang wichtig. Als dem Gemeinwohl verpflichtete Organisation geht Reka mit gutem Beispiel voran, indem sie Ferien zu einem attraktiven Preis-Leistungs-Verhältnis anbietet. Diese werden durch vergünstigtes Reka-Geld sowie durch gezielt gewährte Unterstützungen aus der Reka Stiftung Ferienhilfe noch erschwinglicher.
Martin Nydegger fragt, ob es sich um ein Staatsversagen handle, dass eine private, gemeinnützige Institution wie die Reka nötig sei. Er glaube nicht, meint Marcel Dietrich, denn die Schweiz sei nach dem Subsidiaritätsprinzip aufgebaut. Aufgaben würden so weit wie möglich nach unten delegiert respektive verteilt. (…) «Den Schweizer Ansatz erachte ich als wünschenswert und zielführend. Also bestimmt kein Staatsversagen.»
Reka – seit 1939 ein Unikat
Wer die Reka verstehen möchte, muss in die Geschichte eintauchen: In den 1930er-Jahren wurde von den Gewerkschaften ein Ferienanspruch erkämpft. (…) 1939 schlossen sich Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite mit Institutionen aus dem Tourismus und dem öffentlichen Verkehr zusammen und gründeten die Genossenschaft Schweizer Reisekasse. Das Ziel war die Förderung und Erleichterung von Ferien und Reisen in der Schweiz, vor allem für Leute mit beschränkten finanziellen Mitteln. «Es war ein Akt der Solidarität und der Förderung der sozialen Kohäsion, aber auch – typisch für Genossenschaften – ein Akt der Selbst-hilfe mit Vorteilen für die Gründungsmitglieder», erklärt Marcel Dietrich.
Eingeführt wurden sogenannte Ferienmarken, die Vorgänger der Reka-Checks und der heutigen Reka-Cards. Es handelte sich um vergünstigtes Feriengeld. In den 1960er-Jahren entstand mit dem Feriendorf Albonago die erste eigene Ferienanlage. Seither kombiniert Reka mit Geld und Ferien zwei ganz unterschiedliche Geschäftsfelder unter einem Dach. (…) Als Non-Profit-Organisation werden erwirtschaftete Erträge laufend in die Vergünstigung von Reka-Geld, die Reka Stiftung Ferienhilfe, den Klimaschutz, neue Anlagen oder umfassende Renovationen reinvestiert. So entstehen Mehrwerte statt Gewinnausschüttungen. «Während sich ursprünglich die sozialtouristischen Werte auf das gesamte Reka-Ferienangebot bezogen, wird heute differenziert: So liegen beispielsweise Angebote Dritter preislich im Markt. Beim Reka-Kernangebot, den Reka-Feriendörfern und -häusern, wird jedoch auch heute noch konsequent der sozialtouristische Auftrag umgesetzt und auf die volle Ausschöpfung von Preispotenzialen verzichtet», betont Marcel Dietrich. (…)
Regionalentwickler Reka
Mit den Feriendörfern ist die Reka auch ein wichtiger Regionalentwickler, denn die Standorte sind weitgehend abseits der grossen touristischen Zentren gelegen. «Beruht die Entscheidung, die Reka-Anlagen nicht in grossen Zentren zu bauen, auf den höheren Immobilienkosten oder benötigen die grossen Zentren die Reka-Ferienanlagen einfach nicht?», fragt Martin Nydegger. «Reka möchte grundsätzlich erschwingliche Ferien ermöglichen», antwortet Marcel Dietrich. «Deshalb hat Reka eine natürliche Affinität zu Standorten, die sich günstiger entwickeln lassen. Und zweitens: Wenn wir ein Reka-Feriendorf neu bauen, brauchen wir Partnerschaften, denn es handelt sich um recht grosse Projekte. Das ist in der Peripherie leichter möglich.»
Demokratisierung des Tourismus – aktueller denn je
Verschiedene Trends deuten auf eine steigende touristische Nachfrage hin: steigender Wohlstand, flexiblere Arbeitszeiten, mehr verfügbare Zeit, erhöhte Angebotskapazitäten und verlockende Preise, insbesondere im Flugverkehr. Hinzu kommt, dass die Welt durch das Internet, soziale Medien, Filme usw. zunehmend vernetzt ist, wie Marcel Dietrich meint: «Das alles führt zur Multiplizierung von Begehrlichkeiten. Doch die Konsumdemokratisierung ist ein allgemeines Phänomen, nicht nur im Tourismus, sondern auch bei Kleidern, Autos, Handys usw. – und nicht nur in westlichen Ländern.»
«Dennoch», gibt Martin Nydegger zu bedenken, «je erschwinglicher touristische Angebote werden, desto stärker wächst auch die Gefahr, dass an einzelnen Stellen Engpässe entstehen, zu viele Menschen unterwegs sind und es zu Übernutzungen kommt. Deshalb müssen wir lenkend eingreifen, indem wir jene Jahreszeiten und Angebote mit einem geschickten Marketingmix bewerben, die freie Kapazitäten haben, und so zu einer verbesserten Verteilung beitragen. Die Akzeptanz des Tourismus erfordert Investitionen, vor allem auch in die Herzlichkeit.» (…) Marcel Dietrich bestätigt: «Ich war lange im Detailhandel tätig. Die Art und Weise, wie du mit deinen Mitarbeitenden umgehst, überträgt sich auf deren Umgang mit den Kunden.» Martin Nydegger ergänzt: «Investitionen in die Gastlichkeit sind das eine, Investitionen in bezahlbaren Wohnraum das andere, wenn wir die Tourismusakzeptanz stärken möchten.»
Doppelstrategie in der Akquisition
Man ist sich am Tisch einig, dass wir im Export, also in der Akquisition von ausländischen Gästen, bei unserem Lebensstandard und dem notorisch starken Schweizer Franken kaum Alternativen zu einer Premiumstrategie haben, um erfolgreich zu sein. Die Schweiz muss sich im internationalen Tourismusmarkt als Destination für hohe Qualitätsansprüche positionieren: In jedem Segment – nicht nur in der Luxusklasse – ist der Fokus auf ein gutes Preis-Leistung-Verhältnis sowie möglichst authentische Schweizer Erlebnisse zu legen. (…)
Marcel Dietrich erläuterte, eine Discount-Strategie könne niemals erfolgreich sein, doch sei es wünschbar, dass touristische Angebote in verschiedenen Preislagen vorhanden seien, die die Gästeerwartungen erfüllen würden. Das heisse, dass auch in der Schweiz günstigere Angebote wie Camping, Jugi, Reka-Dörfer bestünden, auch wenn diese im Preisvergleich mit dem Ausland ebenfalls etwas teurer seien. «In der Vermarktung darf man sich nicht nur auf Luxus fokussieren, sondern muss das Schweizer Erlebnis und dessen Erholungswert und die breite Vielfalt vom Luxushotel bis zu den Lodges ins Zentrum stellen.» Es gehe um Preis und Leistung, um Mehrwert für das Geld. (…)
Fazit
Die Debatte über die Demokratisierung von Reisen und Ferien geht der Frage nach, ob das Reisen eine Art Menschenrecht darstellt oder ob es aufgrund von sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Aspekten begrenzt werden sollte: (1) Ferien und Reisen sollten für möglichst viele Menschen erschwinglich und zugänglich sein. (…) Zudem begünstigt eine reisefreudige Bevölkerung die Tourismusakzeptanz. (2) Tourismus sollte aufgrund seiner Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft stärker begrenzt werden, um Nachhaltigkeit, kulturelle Werte und verträgliche Belastungen von Infrastruktur und Bevölkerung sicherzustellen. Die Diskussion mit Marcel Dietrich hat gezeigt, dass beide Anliegen – Zugang für viele und Schutz der Umwelt sowie lokaler Gemeinschaften – legitim sind, sich der Zielkonflikt jedoch nie abschliessend lösen lässt. Wichtig erscheint, den Zielkonflikt immer wieder aufzugreifen und angepasste Lösungen unter Einbezug der relevanten Akteure zu suchen und umzusetzen.
Bei der Förderung erschwinglicher Ferien und Reisen für alle Bevölkerungsgruppen ist zwischen der Rolle des Marktes, der öffentlichen Hand sowie privater Initiativen zu unterscheiden. Die Reka ist ein Beispiel für eine solchen private Initiative. (…) Die Reka leistet in der Schweiz einen wichtigen Beitrag zur Demokratisierung von Ferien und Reisen. (…) Da für viele Menschen Ferien und Reisen auch heute noch kaum erschwinglich sind, ist die Demokratisierung des Tourismus weiterhin von Bedeutung. Trotzdem muss es gelingen, ökologische und soziale Belastungsgrenzen zu respektieren, denn frei verfügbare Güter haben die Tendenz, übernutzt zu werden. Deshalb müssen Besucherströme geschickt gelenkt werden. Im Ausland muss der Schweizer Tourismus seine Premiumangebote ins Zentrum stellen, denn der Alpenraum ist zu klein für eine reisebereite Weltbevölkerung. Eine breite Discount-Strategie kann niemals erfolgreich sein, doch ist im gesamten Angebotsmix eine breite Vielfalt sowie ein vorteilhaftes Preis-Leistungs-Verhältnis anzustreben.
Dr. Marcel Dietrich
– Promovierter Ökonom (Dr. rer. pol.) der Universität Fribourg mit einem Philosophie-Grundstudium
– Bis 2012 diverse Führungspositionen im Detailhandel (u. a. CEO von Globus)
– Seit 2012 selbstständig als Berater und professioneller Verwaltungsrat
– Seit 2017 Präsident der Reka-Genossenschaft

Kreislauf des Reka-Geldes
Bei Reka-Geld handelt es sich um ein eigenes Ökosystem. Es ist nicht nur für Ferien, sondern auch für alltägliche Freizeitaktivitäten einsetzbar, also Reka-Ferien, Hotels, Reisebüros, Bergbahnen, ÖV, Individualverkehr, Sport, Essen, Trinken usw.
– Wandel in der Geldform: Von der Reka-Marke (1939) über den Reka-Check (1966) zur Reka-Card (2006).
– Über 4000 Abgabestellen (z. B. Unternehmen, Gewerkschaften, öffentliche Behörden/Institutionen usw.) ermöglichen ihren Mitarbeitenden, limitiert Reka-Geld mit einer Ermässigung von bis zu 20 % zu beziehen; auch Coop gewährt ihren Kunden einen Rabatt von 3 % auf Reka-Geld.
– Der Rabatt wird zu 1,5 Prozent durch die Reka, der Rest durch die abgebende Stelle finanziert.
– Die Benutzer setzen das Reka-Geld bei über 10 000 Annahmestellen als Zahlungsmittel 1:1 ein, d. h. für 100 Franken bezahlen sie mit 100 Franken Reka-Geld.
– Die Annahmestellen rechnen das eingelöste Reka-Geld gegenüber der Reka ab und erhalten dafür den Betrag in Franken abzüglich einer vertraglich vereinbarten Kommission analog einer Kreditkarte.
– Rund 500 Mio. Franken Reka-Geld sind im Umlauf.
– Über 1 Mio. Schweizer und Schweizerinnen nutzen Reka-Geld.
Sozialtouristische Institutionen in der Schweiz
Schweizer Reisekasse (Reka): gegründet 1939 als Genossenschaft mit dem Ziel, Ferien und Reisen in der Schweiz vor allem für Leute mit beschränkten finanziellen Mitteln zu fördern. Zu den Gründern gehören Vertreter von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberorganisationen, von Tourismusorganisationen sowie vom öffentlichen Verkehr. Das Angebot der sozial engagierten Reka:
– Vergünstigung von Leistungen für die breite Bevölkerung über das vergünstigte Reka-Geld sowie über den Verzicht auf eine maximale Preisabschöpfung bei Reka-Ferien
– Fokus auf Familien
– Reka Stiftung Ferienhilfe, über die mehr als 1000 Familien jährlich eine Woche Ferien für 200 Franken machen können und begleitete Ferien für Alleinerziehende unterstützt wird
– Förderung barrierefreier Angebote, unter anderem in Zusammenarbeit mit «Denk an mich», und Beiträge für Ferienlager für Menschen mit Behinderung
– Patronale Stiftung für die Personalvorsorge
International Social Tourism Organization (ISTO): gegründet 1963 als gemeinnützige Institution. ISTO bringt Interessenvertreter aus den Bereichen sozialer, nachhaltiger und solidarischer Tourismus aus der ganzen Welt zusammen und fördert barrierefreien und verantwortungsvollen Tourismus.
Schweizerische Stiftung für Sozialtourismus: gegründet 1973. Ziel ist es, den Sozialtourismus in der Schweiz durch den Bau und die Einrichtung von Herbergen für Jugendliche, Schulen und Familien in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen
zu fördern. Im Zentrum steht das Schaffen von Mehrwerten dank enger regionaler Partnerschaften.

Unterwegs
400 Seiten, 130 mm × 230 mm
Fadenheftung, Hardcover
Mit 56 Abbildungen
ISBN 978-3-03818-539-0
Bestellen Sie gleich hier
