Touristiker sind so wichtig wie Ingenieure

Touristiker sind so wichtig wie Ingenieure

«Unterwegs», das Buch von Martin Nydegger und Hansueli Müller, ist eine aufschlussreiche Reise, bei der die beiden Autoren von ihren 75 Jahren ­kollektiver Tourismuserfahrung begleitet werden. In ihrem Werk, das im Weber Verlag erschien, befassen sie sich mit strategischen Zielen und Lösungen für den Tourismus in der Schweiz – von Resilienz über Ästhetik oder Overtourismus bis hin zur Diversifikation. In der vorliegenden «Hotelier»-Ausgabe lesen Sie eine gekürzte Fassung des Gesprächs der beiden Autoren mit Luís Araújo, CEO von Turismo de Portugal und Präsident der European Travel Commission. Die zentralen Themen ihres Austauschs sind der interkulturelle Austausch und das Reisen als Lebensschule.

Die Aussage «Reisen bildet» ist weit ­ver­breitet und rückt touristische Be­­weggründe wie «etwas für Kultur und Bildung tun», «Horizont erweitern» oder «neue Eindrücke gewinnen» in den Vordergrund. Sie gehören zwar nicht zu den wichtigsten Reisemotiven. Es ist aber unbestritten, dass mit dem Kennenlernen fremder Kulturen Perspek­ti­ven erweitert, Respekt gefördert oder To­­leranz eingeübt werden können. Das Reisen kann uns zu offeneren und spannenderen Mitmenschen machen. Manche sprechen auch vom Reisen als Lebensschule und da­­von, dass Tourismus einen ­wichtigen Beitrag zur Völkerver­ständigung leistet. Auch ist bekannt, dass zwischen Einheimischen und Reisenden Konflikte entstehen können, insbesondere wenn Gäste in Massen auftreten oder sich auffällig verhalten. Ein facettenreiches Thema also, das stark von der Art und Weise abhängt, wie gereist wird, von der Offenheit der Beteiligten sowie vom Geschick, wie Reiseströme gelenkt werden. 

Touristische Konfliktpotenziale
Zweifelsohne: Der interkulturelle Austausch auf ­Reisen bietet viele Möglichkeiten, den Horizont zu erweitern und Verständnis für andere Kulturen und Lebensweisen zu erlangen. Der interkulturelle Austausch darf jedoch nicht nur romantisiert werden. Es bestehen auch erhebliche Konfliktpotenziale:

– Vorurteile: Reisen kann Stereotypen, Klischees und Vorurteile bestätigen oder festigen. 

– Überheblichkeit: Vermeintliche Überlegenheit ist hauptsächlich bei Reisen in Entwicklungsländern verbreitet und kann bis zu Ausbeutung oder Missbrauch führen. 

– Übervorteilung: Ausnutzung von Unkenntnissen von Touristen durch Einheimische, indem Dienstleistungen oder Waren zu überteuerten Preisen verkauft werden. 

– Xenophobie: Tourismus kann zu rassistischen Konflikten führen, wenn die lokale Bevölkerung den interkulturellen Austausch als störend empfindet. 

– Massentourismus: Das Risiko von Konfliktsitua­tionen steigt, wenn Reisende in Massen auftreten. Ablehnung und Intoleranz nehmen insbesondere gegenüber grossen Gästegruppen aus fernen Kulturen zu und wenn Kapazitätsengpässe entstehen.

Ob die Chancen des interkulturellen Austauschs ge­­nutzt werden können oder sich die Konfliktsituationen häufen, hängt stark von der Art und Weise ab, wie gereist wird – Form, Intensität und Einstellungen –, welche Gastgeberkultur herrscht und wie die Gästeströme gelenkt werden. Während auf Kreuzfahrten oder in Clubferien eher der zwischenmenschliche ­Kontakt unter den Touristen im Vordergrund steht, spielen bei Bildungs- und Studienreisen Begegnungen mit Einheimischen eine bedeutendere Rolle. Aus all diesen Reflexionen ergab sich ein Bündel von Fragen, die wir mit Luís Araújo, dem damaligen CEO von ­Turismo de Portugal und Präsidenten der European Travel Commission (ETC), besprachen. 


Immaterielle Werte in Tourismus-Kampagnen 

Ein relevanter Aspekt des Tourismus ist der ­interkulturelle Austausch. Was fällt dir als Erstes dazu ein?
Luís Araújo: Ich bin auf der Ferieninsel Madeira aufgewachsen. In meiner Kindheit habe ich dadurch ein starkes Gefühl für Tourismuswerte mitbekommen. Meine Eltern luden oft Touristinnen und Touristen, die sie beim Spazierengehen trafen, zu uns nach Hause zu einem Essen ein. Wenn sie später auf die Insel zurückkehrten, besuchten sie uns wieder, und die Beziehung wurde fortgesetzt. Diese Erfahrung zeigte mir die Kraft des interkulturellen Austauschs: Menschen zusammenzubringen, um voneinander zu lernen.

Wird der interkulturelle Austausch in den ­Kampagnen von Turismo de Portugal als Marketingbotschaft genutzt oder überrascht ihr die Gäste damit erst vor Ort? 
Unsere Kampagnen heben die Gastronomie, die Geschichte, die Denkmäler und die Sehenswürdigkeiten des Landes insbesondere in den sozialen Medien hervor. Das Hauptkonzept der Kampagnen basiert jedoch nicht nur auf diesen bekannten Elementen. Unsere Kampagne «Time to be» war beispielsweise ein Konzept mit immateriellen Botschaften, das Portugal als ein gastfreundliches Reiseland hervorhebt. In unseren Kampagnen versuchen wir, ein Gefühl der kulturellen Integration zu vermitteln, anstatt platt affirmativ zu klingen. In der Kampagne «Travel better» haben wir die Reisenden dazu ermutigt, die Gastfreundschaft unseres Landes zu erleben, anstatt nur touristische Highlights abzuarbeiten. Wir konzentrieren uns darauf, jene Reisenden zu erreichen, die die portugiesischen Werte zu schätzen wissen.


Trend: interkultureller Austausch 

Im Schweizer Tourismus ist die Bedeutung des interkulturellen Austauschs vergleichsweise weniger ausgeprägt, weil Landschaft, Berge und Natur im Vordergrund stehen. Habt ihr bei euren Erhebungen irgendwelche Trends bezüglich des Interesses von Gästen an interkulturellem Austausch ausgemacht?
Begegnungen mit Menschen sind ein entscheiden­der und aufwertender Teil der Reiseerfahrung. Viele Reisende sind zwar nicht auf philosophische Diskussionen vorbereitet, die beim Zusammentreffen mit Menschen aus anderen Kulturen entstehen können, aber wenn es dazu kommt, empfinden sie es oft als eine wertvolle Bereicherung. In Portugal sind Be­­gegnungen mit Menschen der wichtigste Teil einer Reise, gefolgt von dem Klima, der Landschaft, dem Essen, der Geschichte und dem Erzählen von Geschichten. Interessant ist, was Reisen sowohl bei Touristen als auch bei den Einheimischen auslösen können. In Lissabon zum Beispiel kommen Besucher manchmal zunächst für eine Woche, verlängern dann aber ihren Aufenthalt um Monate oder beschliessen sogar, sich niederzulassen, eine Wohnung zu kaufen oder ein Unternehmen zu gründen. Dies kann Vielfalt und neue Ideen in die Stadt bringen, aber es kann auch zu Spannungen führen, wenn Besucher die lokalen Werte sowie die Lebens- und Denkweisen nicht respektieren.

Wie würdest du den Stellenwert des inter­kulturellen Austauschs in Portugal auf einer Skala von 1 bis 10 bewerten? Glaubst du, dass Portugal dem menschlichen Miteinander eine höhere oder niedrigere Priorität einräumt als die Schweiz?
Ich würde Portugal eine 8 geben. Was die Relevanz des interkulturellen Austauschs betrifft, so legt die Schweiz grossen Wert auf die Schönheit der Natur, die Infrastruktur, die Züge, die Berge usw. Die Bedeutung der zwischenmenschlichen Interaktionen steht wohl nicht ganz so weit oben auf der Prioritätenliste wie bei uns in Portugal. [In der Schweiz wird der Wert des interkulturellen Austauschs mit einer Priorität von 3 bis 4 bewertet. Europaweit liegt der Wert zwischen 4 und 5.]


Geschichte, Migration und Austausch

Inwieweit ist Portugal offen für Kulturen, die sich von der eigenen stark unterscheiden? Wie auf­geschlossen ist Portugal insbesondere gegenüber Menschen aus Ländern wie Indien, Japan und China oder aus dem arabischen Raum? 
Ich würde gerne sagen, dass Portugal allen Kulturen gegenüber gleichermassen aufgeschlossen ist. Tatsache ist aber, dass wir dazu neigen, einige Nationalitäten zu bevorzugen. Das mag an unserer Geschichte, an Konflikten oder Freundschaften mit bestimmten Ländern liegen. So schätzen wir zum Beispiel Brasilianer sehr. Allerdings hatten wir in der Vergangenheit einige Probleme im Zusammenhang mit grossen Migrationswellen aus Brasilien, die zu sozialen Spannungen führten. 

Ist der interkulturelle Austausch in deinen Augen für den Luxustourismus oder den Rucksack­tourismus wichtiger?
Es scheint, dass der interkulturelle Austausch für alle wichtig ist, auch für den neuen Luxustourismus, der den Schwerpunkt vermehrt auf Begegnungen legt. Es kann jedoch von der Art des Reisens abhängen, ob der Austausch eher innerhalb der eigenen Reisegruppe oder eher mit den Einheimischen stattfindet. Auf einer Kreuzfahrt, in einem Clubhotel oder einem Fünf-Sterne-Luxushotel tauschen sich Touristen und Touristinnen eher untereinander aus. Andererseits neigen Rucksacktouristen dazu, den interkulturellen Austausch mit Einheimischen zu suchen, was durch das junge Alter oder die Nutzung des öffentlichen Verkehrs begünstigt wird. Letztlich geht es weniger um eine Segmentierung als vielmehr um Offenheit, um Neu­­gierde oder um Einstellungen.

Ist der interkulturelle Austausch kostenlos oder eher eine Investition?
Um den interkulturellen Austausch zu erhöhen, muss in die Entwicklung der sozialen Kompetenzen der Menschen «investiert» werden. Es handelt sich um einen zweistufigen Prozess: Erstens muss den Menschen beigebracht oder in Erinnerung gerufen werden, stolz auf ihr Land zu sein. Zweitens müssen die Einheimischen für den Tourismus und dessen Wichtigkeit sensibilisiert werden. Ich wünschte, dass Schulen und Universitäten ihren Schwerpunkt etwas verlagern von Hard Skills auf Soft Skills und interkulturelles Lernen respektive den Tourismus als wichtigen Teil der Wirtschaft in ihre Lehrpläne aufnehmen. Es scheint, dass der Beruf des Ingenieurs weltweit einen höheren Stellenwert hat als der einer Hotelfachkraft oder von anderen dienstleistungsorientierten Berufen, und dies sollte korrigiert werden, um den Wert einer Karriere in dieser Branche anzuerkennen.


Risiken des interkulturellen Austauschs

Werden Vorurteile und Stereotype von Touris­tinnen und Touristen auf ihren Reisen in fremden Kulturen eher verstärkt oder eher abgebaut?
Ich bin überzeugt, dass der Kontakt mit anderen Kulturen durch Reisen die Wahrnehmung der Menschen verändert und zu mehr Toleranz und Respekt führen kann. In Portugal, einem traditionell katholischen Land mit relativ wenigen Besuchern aus dem Nahen Osten, hat die steigende Zahl der arabischen Besucher zu einem grösseren Verständnis geführt. Vorurteile wurden korrigiert. Wenn sich Menschen öffnen und mehr Akzeptanz zeigen, kann sich die Haltung gegenüber anderen Kulturen verändern. Reisen kann helfen, Gemeinsamkeiten und Verbindungen untereinander zu finden, statt sich auf (störende) Unterschiede zu fokussieren. An die Adresse der Gäste: Es ist wichtig, dass Reisende eine respektvolle Haltung gegenüber den Menschen und Kulturen vor Ort einnehmen und sich bewusst sind, dass sie Gäste in einem fremden Land sind. Ich bin fest davon überzeugt, dass das ­Reisen in fremde Länder die Macht hat, Menschen
zu transformieren und das Verständnis für andere Kulturen zu stärken.

Fazit: Chance oder Konflikt 
Interkultureller Austausch beim Reisen hat viele Facetten, die von Völkerverständigung – ab und zu wird der Tourismus auch als Friedensstifter bezeichnet – über Lebensschule bis hin zum Schüren von Fremdenfeindlichkeit reichen. Auf Reisen besteht die einzigartige Chance, den Horizont zu erweitern, Neues zu entdecken, Toleranz und Empathie ein­zuüben; vorausgesetzt, man ist sich dieser Chance bewusst. Ob Konfliktsituationen entstehen, hängt stark davon ab, wie gereist wird, ob Kapazitätsengpässe entstehen und welche Gastgeberkultur herrscht. Zudem wächst die Erkenntnis, dass es weniger um die Farbe des Reisepasses geht als um die intelligente Steuerung der Gästeströme. Für Luís Araújo liegt der Schlüssel zur Aufwertung des interkulturellen Austauschs bei den interkulturellen Kompetenzen sowie bei der Kommunikation der Touristiker und Touris­tikerinnen. Doch auch jedem Einzelnen bietet das Reisen die Chance, sich von fremden Kulturen inspirieren zu lassen, Respekt, Achtsamkeit und Bescheidenheit einzuüben und dabei seine Persönlichkeit weiterzuentwickeln. 

 

 

Tipps zur Förderung interkultureller ­Kompetenz
Bei der interkulturellen Kompetenz handelt es sich um die Fähigkeit, respektvoll mit Menschen anderer Kulturen ­umzugehen, Unterschiede zu akzeptieren und Missverständnisse, Konflikte und Kulturschock-Erlebnisse zu vermeiden. Die interkulturelle Kompetenz kann in drei Bereiche unterteilt werden: 

– Wissen (kognitiv): Sprachkenntnisse, landesspezifisches Wissen, Kulturkonzepte, Ethnozentrismus usw. 
– Fähigkeiten (affektiv): Beobachtung, Selbstreflexion, ­Anerkennung und Wertschätzung, Offenheit usw. 
– Fertigkeiten (behavioral): Stressmanagement, Konflikt­bewältigung, gewaltfreie Kommunikation, Kommunikationskompetenzen usw. 

Zehn Tipps: 
1. Das Wissen um andere Kulturen anreichern
2. Nachfragen, ohne auszufragen.
3. Unsicherheiten und Irritationen frühzeitig klären
4. Interesse am Gegenüber zeigen
5. Eigene Wahrnehmungen reflektieren
6. Verallgemeinerungen vermeiden
7. Mehrdeutigkeiten akzeptieren, niemand muss allein recht haben
8. Sich in die Lage des Gegenübers versetzen
9. Ständige Bereitschaft, dazuzulernen und Neues zu erkunden
10. Die eigene Haltung und den eigenen Standpunkt zeigen

Quelle: https://www.lern-und-berufswelt.de)

 

Hansueli Müller, Mitautor von «Unterwegs», hat treffende Leitlinien für einen gelingenden interkulturellen touristischen Austausch in ein Gedicht gefasst. 

Suchen statt finden
Be-nehmen statt nehmen
zu-hören statt hören
be-greifen statt greifen
ver-stehen statt da-stehen
be-gegnen statt ent-gegnen
er-leben statt aus-leben
achten statt ver-achten
lachen statt aus-lachen
fragen statt antworten
suchen statt finden.

 

Luís Araújo – Portugal ­Tourismo
– Studium der Rechtswissenschaft
– Von 2016 bis 2023 CEO von Turismo ­de Portugal
– Von 2020 bis 2023 Präsident der ­European Travel Commission (ETC) mit 33 nationalen Tourismus­organisationen (NTO) Europas 
– Vor 2016 Geschäftsleitungsmitglied der ­Pestana Group mit 100 Hotels in 15 Ländern, Verantwortlicher für die nachhaltige Entwicklung in Lateinamerika 
– Von 2005 bis 2007 Stabschef des ­portugiesischen Staatssekretariats für Tourismus

 

 


Unterwegs 
400 Seiten, 130 mm × 230 mm
Fadenheftung, Hardcover
Mit 56 Abbildungen
ISBN 978-3-03818-539-0

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