Schweiz 2040 – (k)eine Lust am Untergang

Schweiz 2040 – (k)eine Lust am Untergang

Vor den Sommerferien nahm der Bundesrat schwere Kost zur Kenntnis. «Perspektiven Schweiz 2040» zeigt schwer verdauliche Szenarien. Geopolitik und Klimawandel haben Auswirkungen auf Tourismus und Hotellerie.

Hilmar Gernet

Die Lust am Untergang ist ein Gefühl, das einem bei der Lektüre der «Perspektiven Schweiz 2040» beschleichen könnte. Dabei handelt es sich selbstverständlich weder um eine Zukunftsverheissung noch um Astrologie. Es wird ausdrücklich festgehalten, die Bundeskanzlei habe bei der Erarbeitung des Berichts «eine etablierte Methode der Zukunftsforschung», die Szenariotechnik, verwendet. Die Idee der Szenariotechnik bestehe nicht darin, das wahrscheinlichste Zukunftsszenario zu erstellen. Vielmehr soll sie ermöglichen, «eine Bandbreite möglicher Szenarien oder denkbarer Zukünfte zu betrachten (Szenarien-Raum).» Als Grundlage diente eine breite Literaturrecherche und eine Umfrage bei Expertinnen und Experten, wie es im Bericht heisst.

Die Perspektive-Kost ist keine leichte Sommer- Lektüre für den Strand oder unter einem schattenspendenden Baum im Hotelpark. Lesenswert und  wichtig ist sie trotzdem. Sie hat eine ganz andere Dimension als die aktuellen politischen Themen, die in Bundesbern anstehen, wie beispielsweise die Debatte zum Mehrwertsteuersatz oder die Alkohol-Bedenken der Weltgesundheitsorganisation, ebenfalls in diesem Heft aufgegriffen.

Strategische Vorausschau
Der Bericht «Perspektiven Schweiz 2040» versteht sich als Ergänzung zu anderen «sektoriellen Instrumenten» des Bundes zur strategischen Vorausschau. Für den Bundesrat will der Bericht einerseits eine Grundlage für die politische Planung des Bundesrats und die Legislaturplanung 2027–2031 bilden, heisst es in der entsprechenden Medienmitteilung vom 19. Juni 2026.

Die drei Szenarien (Szenarien-Raum) bilden verschiedene mögliche Entwicklungen ab: von wirtschaftlicher Stagnation bis zum Aufschwung, von einer kritischen bis zu einer stabilen Sicherheitslage, vom Ignorieren der Klimaveränderungen bis zum aktiven Klimaschutz sowie von multipolarer zu unipolarer Weltordnung. Zudem identifiziert der Bericht «extreme Einflüsse» im Sinne plötzlicher, krisenhafter Ereignisse, die jedes Szenario abrupt überlagern könnten.

Die Autoren weisen darauf hin, dass die Szenarien «weder Idealbilder noch die wahrscheinlichste Zukunft» darstellen. Es handle sich um mögliche Entwicklungen mit jeweils positiv wie negativ bewertbaren Einflussfaktoren. Die Szenarien ermöglichen es, «sich in verschiedene Dimensionen gesellschaftlicher, technologischer, wirtschaftlicher, ökologischer und politischer Gegebenheiten einzudenken und darauf zu reagieren».

Aus dem Szenario-Bericht leitete der Bundesrat sechs Handlungsfelder ab, die für die aktuelle politische Planung «angemessen adressiert werden sollen». Dabei will der Bundesrat der «Welt im Wandel» mit «disruptiven Umbrüchen» in Technologie, Politik und Gesellschaft gerecht werden. Dabei verfolgt er selbstverständlich das Ziel, die anstehenden Herausforderungen erfolgreich, proaktiv sowie nachhaltig zu bewältigen. Hier folgen gekürzte Fassungen zu den Berichten der drei Hauptszenarien.

Szenario 1: Geteilte Weltordnung

Die globale Ordnung ist tief gespalten: Zwei rivalisierende Grossmächte mit unterschiedlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodellen ziehen die Welt in entgegengesetzte Richtungen. Europa bleibt intern fragmentiert. Diese Rivalität dämpft den Welthandel, verschärft sozioökonomische Ungleichheiten und treibt damit soziale Polarisierung sowie Migration an. Zudem mündet der technologische Wettlauf zunehmend in hybride Konflikte, wodurch dringliche Umweltfragen ins Hintertreffen geraten – eine Entwicklung, die die ohnehin angespannte Lage weiter destabilisiert.

Auswirkungen auf die Schweiz
Die Schweiz sieht sich als Teil der Hemisphäre, welche von der demokratisch regierten Grossmacht dominiert wird. Sie pflegt enge wirtschaftliche und politische Beziehungen zu den Staaten, welche sich ebenfalls als Teil dieser Hemisphäre sehen. Zugleich zeigen die Staaten und Unternehmen, welche sich der anderen Hemisphäre zugehörig fühlen, ein zunehmend geringeres Interesse an einer politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit der Schweiz. Die Neutralitätspolitik wird von befreundeten Staaten zunehmend als opportunistisch wahrgenommen. 
Die zunehmende wirtschaftliche Abschottung der beiden Hemisphären und die damit einhergehende Stagnation der Weltwirtschaft stellt für die schweizerische Wirtschaft eine Herausforderung dar. Dank guten Rahmenbedingungen sowie der Agilität der Gesellschaft und Unternehmen verzeichnet die schweizerische Wirtschaft weiterhin positive, jedoch verhaltene Wachstumsraten. Dies ist auf die weiterhin starken Exportbranchen zurückzuführen. 
Die Auswirkungen der instabilen globalen Sicherheitslage haben für die in der Schweiz ansässigen globalen internationalen Organisationen zu einem weitgehenden Bedeutungsverlust geführt. Kritische Infrastrukturen, Unternehmen und staatliche Institutionen in der Schweiz geraten massiv und umfassend ins Visier der hybriden Konfliktführung. Die Schweiz pflegt enge Kontakte zum Verteidigungsbündnis der demokratischen Hemisphäre. Staaten dieses Verteidigungsbündnisses erhöhen den Druck auf die Schweiz, sich an den gemeinsamen Verteidigungsanstrengungen zu beteiligen.
Das technologische Rennen zwischen den Hemisphären prägt den schweizerischen Forschungs- und Innovationsstandort. In den Bereichen Biotechnologie und Robotik nimmt die Schweiz eine Führungsrolle in der demokratischen Hemisphäre ein. Im Bereich der digitalen Technologien und Medien orientiert sich die Schweiz stark an den Technologien grosser Unternehmen mit Sitz in der demokratisch regierten Grossmacht. Politik und Wirtschaft sind sich den entsprechenden Risiken für die digitale Souveränität bewusst, können aber keine überzeugenden Alternativen aufzeigen.
Die Folgen des Klimawandels treffen den Alpenraum und somit die Schweiz überdurchschnittlich stark. Im Mittelland führen Überschwemmungen zu grossen Sachschäden und verschiedene Bergdörfer mussten aufgrund von drohenden Hangrutschen und sich abzeichnenden Bergstürzen evakuiert werden. Nachdem ein Bergsturz einen international bekannten Touristenort in den Alpen teilweise zerstört hat, leidet der alpine Tourismus zunehmend. Bund und Kantone müssen erhebliche Mittel in Massnahmen zur Anpassung an den Klimawandel investieren.
Aufgrund der vergleichsweise guten Wirtschaftsentwicklung der Schweiz und der damit einhergehenden Nachfrage der Wirtschaft nach Arbeits- und Fachkräften, bleibt sie ein attraktives Zielland für Zuwandernde. Zugleich steigt der innenpolitische Druck auf die Asylpolitik. Die instabile Sicherheitslage, die schwächelnde Weltwirtschaft sowie Folgen des Klimawandels führen zu einem massiven Anstieg der Asylsuchendenzahlen in Europa und der Schweiz.

Szenario 2: Regionale Allianzen

Die Welt zerfällt zunehmend in isolierte geopolitische, wirtschaftliche und teils militärische Einflusszonen, was Handel und technologischen Fortschritt bremst. In diesem fragmentierten Umfeld bleibt Europa ein Pol der Stabilität, sieht sich jedoch verstärkt hybriden Bedrohungen ausgesetzt. Beim Klimaschutz fehlen bislang die nötigen Innovationen und die internationale Koordination, während der Biodiversitätsverlust globale und regionale Ökosysteme gefährdet. Trotz stagnierender sozioökonomischer Ungleichheit nehmen die Migrationsbewegungen zu.

Auswirkungen auf die Schweiz
In diesem Szenario pflegt die Schweiz enge wirtschaftliche und politische Beziehungen zur Europäischen Union, hält aber auch die Beziehungen zu anderen Regionen bzw. Allianzen aufrecht. Die Schweiz und namentlich Genf hat als Standort zahlreicher internationaler Organisationen an Bedeutung gewonnen. Die Neutralität geniesst im internationalen Umfeld sowie auch in der Bevölkerung grossen Rückhalt. Die anhaltende Regionalisierung der Weltwirtschaft und die damit einhergehende formelle und informelle Abschottung von gewissen Staaten hat die Exportbranchen stark getroffen. Namentlich die Pharma- und die Maschinenindustrie haben durch diese Entwicklung wichtige Absatzmärkte verloren. 
Vor dem Hintergrund der uneinheitlichen und von hybriden Bedrohungen geprägten globalen Sicherheitslage erhöht die Schweiz die Ausgaben für die Verteidigungsfähigkeit kontinuierlich, aber nicht drastisch. Militärische Kooperationen mit anderen Staaten oder Allianzen reduziert sie auf ein Minimum. Da sich die Sicherheitslage in Europa nicht weiter verschärft, sieht sich die Schweiz keinen zunehmenden direkten Bedrohungen ausgesetzt. 
Eine besondere Herausforderung für die Schweiz stellt die weltweite Stagnation im Bereich des technologischen Fortschritts dar. Der Forschungs- und Innovationsstandort leidet unter dem fehlenden Austausch mit Forschenden aus anderen Weltregionen.
Die Folgen des Klimawandels treffen den Alpenraum und damit auch die Schweiz überdurchschnittlich stark. Überschwemmungen im Mittelland, sich abzeichnende Bergstürze in den Alpen und Trockenperioden im Sommer treten zunehmend häufiger auf. In den Nachbarstaaten der Schweiz setzt die Europäische Union umfangreiche Massnahmen für die Anpassung an die Folgen des Klimawandels um. Nebst komplexen Infrastrukturen umfassen diese auch Projekte zur Renaturierung sowie zum Schutz der Ökosysteme. Hierbei setzt die Schweiz auf Kooperation mit der EU und den Nachbarstaaten, um grenzüberschreitende Massnahmen effektiv umzusetzen. Dies mindert den unmittelbaren Druck auf Bund und Kantone für Massnahmen in den Grenzregionen teilweise. Dennoch sind in der Schweiz weitere umfassende Massnahmen erforderlich.
Die volatile Sicherheitslage in zahlreichen Weltregionen sowie die Auswirkungen des Klimawandels führen zu einem Anstieg der Fluchtmigration, wobei die europäischen Staaten – und somit auch die Schweiz – beliebte Ziele sind. Die Schweiz unternimmt grosse Anstrengungen zu deren Integration in den Arbeitsmarkt. Dies steht in Einklang mit ihrer Migrationspolitik, welche prioritär im Zeichen des vorwiegend durch die demografische Alterung bedingten Arbeits- und Fachkräftemangels steht. 
In verschiedenen Weltregionen nimmt die sozioökonomische Ungleichheit drastisch zu, während sie sich in einigen europäischen Staaten als Folge einer Umverteilungspolitik verringert. In der Schweiz verändert sich die sozioökonomische Ungleichheit im Vergleich zu den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts kaum. Wegen dieses Stillstands fordert ein wachsender Bevölkerungsteil eine Anpassung der Umverteilungspolitik (Altersvorsorge, Krankenversicherung, Wohnungspolitik).

Szenario 3: Dominierende Macht

Eine einzelne Macht dominiert die globale Bühne politisch, wirtschaftlich, technologisch und militärisch, setzt ihre Standards durch und drängt Europa in eine begrenzte Rolle. Diese Hegemonie befeuert eine neue Globalisierungswelle, die Wachstum und Sicherheitsstabilität fördert und tendenziell Ungleichheiten sowie Migrationsdruck mindert. Zwar festigt die technologische Dominanz die Abhängigkeit, doch dank ihrer Innovationen kommt der Klimaschutz voran, die Emissionen sinken und die Biodiversität wird gestärkt.

Auswirkungen auf die Schweiz
Die Schweiz steht in diesem Szenario – wie die anderen europäischen Staaten – unter dem prägenden Einfluss der dominanten Grossmacht. Sie orientiert sich bei wirtschafts- und aussenpolitischen Fragen direkt an den Vorgaben der Grossmacht. Diese knüpft wirtschaftliche Fragen zunehmend auch an sicherheitspolitische Bedingungen. Um weiterhin den privilegierten Zugang zum Wirtschaftsraum der Grossmacht zu erhalten, hat die Schweiz daher einen bilateralen Vertrag unterzeichnet, welcher auch Elemente der militärischen Kooperation regelt. Die Schweiz positioniert sich in der Folge nicht mehr als neutraler Staat. Die wachsende Weltwirtschaft wirkt sich positiv auf die schweizerische Wirtschaft aus. Profitiert haben insbesondere die Exportbranchen, namentlich die Pharma und die Maschinenindustrie, welche wichtige Zulieferer für grosse Unternehmen im Staatsgebiet der Grossmacht bleiben. Hingegen hat die Finanzbranche deutlich an Bedeutung verloren, da wichtige Finanzinstitute ihren Hauptsitz in das Staatsgebiet der Grossmacht verlegt haben. Im Bereich der digitalen Technologien und Medien bleibt die Schweiz – wie auch die europäischen Staaten – deutlich im Rückstand und abhängig von Unternehmen mit Sitz im Staatsgebiet der Grossmacht. Diese entwickeln und betreiben auch einen Grossteil der in Europa zugänglichen digitalen Plattformen und Technologien. Die Überwachung von Institutionen, Unternehmen sowie der Bürgerinnen und Bürger ist allgegenwärtig und weder die Datenschutz- noch die Informationsschutzbestimmungen können von den schweizerischen Behörden durchgesetzt werden.
Auch von der stabilen globalen Sicherheitslage profitiert die Schweiz direkt. So konnte sie die Ausgaben in die Verteidigungsfähigkeit reduzieren und die dadurch freiwerdenden Mittel in die Massnahmen zur Anpassung an den Klimawandel investieren. Die vermittelnde Rolle («gute Dienste») der Schweiz in Konflikten wird seltener in Anspruch genommen. Die Schweiz – und namentlich Genf – verlor als Standort internationaler Organisationen an Bedeutung. Obwohl die Erreichung des 2-Grad-Ziels bis zum Jahr 2100 aufgrund grosser weltweiter Anstrengungen und neuer Technologien realistisch ist, machen sich die Folgen des Klimawandels bemerkbar. Der Alpenraum und somit auch die Schweiz ist dabei überdurchschnittlich stark von Extremwetterereignissen betroffen. Die globale sicherheitspolitische Stabilität erlaubt es der Schweiz, umfangreiche Mittel, welche nicht mehr für den Erhalt der Verteidigungsfähigkeit erforderlich sind, in Massnahmen zur Reduktion der Treibhausgasemissionen in der Schweiz sowie auch zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels zu investieren. Dies umfasst Infrastrukturmassnahmen in den besonders vulnerablen Bergregionen sowie in den Städten des Mittellandes. Die Stagnation der weltweiten Migrationsbewegungen wirkt sich auch auf die Schweiz aus. Der Arbeits- und Fachkräftemangel in gewissen Branchen verschärft sich in Kombination mit der wachsenden schweizerischen Wirtschaft und der demografischen Alterung. Betroffen sind namentlich die produzierende Exportindustrie.

 

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