Endlich löst sie sich, die Schockstarre.
Zu lange hat die Weinbranche sich das Narrativ aus der Hand nehmen lassen und fast tatenlos und voller Selbstmitleid zugesehen, wie in den Medien Panik gemacht wurde, «dass jeder Tropfen Wein gesundheitsschädlich sei». Gleichwohl es zahlreiche Studien gibt, die einen moderaten Weinkonsum weniger kritisch und teils sogar positiv sehen.
Hierzulande erhob früh der Schweizer Master of Wine, Philipp Schwander, seine Stimme. International folgen nun nach und nach mehrere Verbände; selbst die sonst eher zurückhaltende OIV (Internationale Organisation der Rebe und des Weins) traute sich endlich, bei der WHO zu intervenieren.
Besonders prägnante Beispiele sind der Deutsche VDP, der aufzeigt, wie lange Wein schon Kulturgut ist, und dies unter anderem mit den recht jungen Smartphones oder gar den «nur» 550 Jahre alten Büchern vergleicht. Ähnlich argumentiert die Vereinigung Schweizer Weinhandel, die ihre Kampagne «Wein ist Kultur» zunehmend sichtbarer macht. Originell ist auch die amerikanische Initiative «Come Over October», die zum gemeinsamen Genuss einlädt; wohlgemerkt als Gegenpol zum «Sober October», dem wenig geliebten Vorboten des «Dry January».
Dies alles, notabene, nicht mit dem Ziel, Alkoholkonsum zu verharmlosen. Unstrittig ist, dass ausufernder Konsum gravierende Folgen hat und immer noch zu verbreitet ist, auch in der Hotellerie und Gastronomie. Gemeinsam mit vielen weiteren Protagonisten der Weinwelt unterstütze ich daher seit Jahren die Initiative «Wine in Moderation». Doch so mir nichts, dir nichts ein Kulturgut zu dämonisieren, das in Massen seit Jahrhunderten Genuss bereitet, Menschen zusammenbringt, Kulinarik fördert und eine treibende Wirtschaftskraft vieler (vor allem europäischer) Länder ist, sollte man nicht tun.
Oft höre ich: «Pass auf, mit Wein wird es wie mit Tabak, ein paar Jahre noch und er ist ganz verschwunden.» Darauf antworte ich stets: «Wann gab es denn je eine Mess-Zigarette in der Kirche?!» Es ist naiv, zu glauben, dass Wein die gleiche flüchtige Verankerung in der europäischen Tradition und Kultur hat wie Tabak.
Falls das Gegenüber Schweizer ist, bitte ich gelegentlich um Folgendes: «Stelle dir das Waadtland und das Wallis ohne Reben vor. Wie sähe das wohl aus?» Schnell wird dann klar, welch integralen Teil unserer Landschaft die Weinberge bilden – vor allem, wenn sie ökologisch bewirtschaftet werden.
Doch das wichtigste Argument ist sicherlich folgendes: Was passiert mit all den Arbeitsplätzen, den Beiträgen zur Weltwirtschaft, inklusive den Steuereinnahmen, den zahlreichen direkt oder indirekt an Weinproduktion und -handel beteiligten Menschen, wenn der Wein ohne fundierte Grundlage verteufelt wird?
Dies würde allen voran die Hotellerie und Gastronomie treffen. Denn wohl die wenigsten Restaurants erzielen mit ihren Speisen gleich hohe Margen wie mit Weinen. Daher mein Appell: Kämpfen Sie für die Akzeptanz des massvollen Weingenusses. Pflegen Sie ein attraktives Weinangebot in Ihren Betrieben. Und weisen Sie jene souverän in die Schranken, die meinen, dass Weinkultur unwichtig und schädlich sei.
Es geht schliesslich um (Ihre) Existenzen.

Marc Almert ASI Best Sommelier of the World 2019, Geschäftsführer Baur au Lac Vins
& Chef Sommelier Baur au Lac.
