Ein quer-touristischer Essay
Der «Kunst des Andersmachens» näherten sich Touristik- und Hotellerie-Fachleute sich kürzlich auf dem Solothurner Weissenstein. Man versprach sich «Inspirationen von Querdenkern». In Zürich ist für August eine «Denkwerkstatt» für den Schweizer Tourismus ausgeschrieben. Die Häufung von Denkereien machte mich stutzig. Der Gedanke eines Textes quer zum Querdenken reifte. Zugegeben eine Referenz an den Zeitgeist.
| Denken ist zu wichtig, um es den Philosophen, den Politikern, den Wirtschaftskapitänen oder den Kreativen zu überlassen. |
Nachhaltigkeit war beim Netzwerktag auf dem Weissenstein das Thema. Eingeladen hatten die Responsible Hotels of Switzerland, ibex fairstay und myclimate. Zu Exkursionen (Landwirtschaft und Biodiversität; Auswilderungsprojekt Wisent), Gesprächen (Mehrwert von Hotelratings) oder der Wirkung von Führungspersonen (Energiequelle/-verlust Teams). Selbstverständlich fehlte KI mit ihren Spannungsfeldern nicht (Technik/Ethik; Effizienz/gesellschaftliche Auswirkungen). Aus Österreich zeigten die Vertreter der Plattform «Change Maker Hotels», wie Gastgeberinnen und Gastgeber «bewusst neue Wege gehen und ihre Betriebe entlang klarer Werte und Visionen ausrichten». Österreich? Von dort kamen und kommen immer wieder Impulse für den schweizerischen Tourismus, aber auch auffällig viele bekannte Querdenker.
Beim nächsten «Zürich Experience Summit for Urban Tourism» sollen «Entwicklungen und Zukunftsfragen des urbanen Tourismus» diskutiert werden. Perspektiven aufzeigen werden u.a. der deutsche Philosoph Richard David Precht sowie Staatssekretärin und SECO-Direktorin Helene Budliger Artieda. Der Summit versteht sich als «Denkwerkstatt», als «Plattform für Austausch» von Fachleuten aus dem «inneren und erweiterten Tourismussystem». So weit so gewöhnlich.
| Mit seiner Gegenthese konstatierte Georg Franck, Aufmerksamkeit sei ein Akt des Schenkens. |
Ade Unschuld
Warum haben das Denken und das Querdenken gerade Hochkonjunktur? Warum hofiert man mit dem Querdenken einen Begriff, der seinen Zenit mit der Covid-Krise überschritten hat? Da ist er gekapert worden von Narrativen, die sich um Verschwörungstheorien drehen, geheime Eliten, die Menschen und Welt manipulieren, unterstützt von Lügen-Medien und Politik. Querdenken hat seine Unschuld verloren. Die positiven Assoziationen – eingefahrene Denkmuster zu hinterfragen, neue Perspektiven zu eröffnen, intellektuelle Beweglichkeit, Offensein für kreative Lösungen, sich nicht mit Offensichtlichem zufrieden geben – sind weg, zumindest haben sie sich stark verschoben.
| Österreich. Von dort kamen und kommen immer wieder Impulse für den schweizerischen Tourismus, aber auch auffällig viele bekannte Querdenker. |
Zwang zum Unkonventionellen
In unserer Welt, in der nahezu jeder Gedanke bereits irgendwo formuliert, geteilt und kommentiert wurde, stellt sich die Frage: Was kann querdenken noch sein? Ist es wirklich noch eine kreative Leistung, anders zu denken? Ist es nicht längst die öffentliche Erwartung, dass Fachleute, Experten, Podiumsteilnehmer etc. sich möglichst auffällig, gar schrill äussern, um überhaupt wahrgenommen zu werden? Das inflationär Unkonventionelle ist normal, gewöhnlich geworden. Wer gehört werden will, muss nicht nur anders formulieren, sondern immer extremer, provokativer, zugespitzter, emotionaler.
Der Architektur-Professor Georg Franck (Österreicher!) beschrieb diese Entwicklung bereits 1998 in seinem Buch «Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf». Mit einer Gegenthese konstatierte er, Aufmerksamkeit sei ein Akt des Schenkens, im Gegensatz zu anderen Ökonomien, die auf (geldwertem) Tausch beruhten. Er hatte jedoch festgestellt, dass dieses «Schenken» in der Kommunikation längst zum Zwang geworden war. Er identifizierte für die Kommunikation zwei dominante Währungen: Aufmerksamkeit und Wahrnehmung. Dass Franck richtig lag, bestätigen die (un-)sozialen Medien gnadenlos, da wir uns derzeit mir der Frage von Social-Media-Verboten für Jugendliche beschäftigen.
| Ein Denken, das Widersprüche aushält, das nicht nur ein Schwarz-weiss oder Grautöne, sondern Farbigkeit zulässt… |
«Jeden Tag wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben», ist eine häufig gehörte Kritik an der gängigen Medienlogik des Schrillen, Lauten, Zugespitzten, Empörten. Der Sau-Trieb, das Querdenken als Währung, die auf das Konto der eigenen Wahrnehmung einzahlt. Nur, Provokation allein ist noch keine Qualität. Wird quer zum Marketinginstrument, zum Selbstzweck, beteiligt man sich einzig am Wettbewerb der Abweichung vom vermeintlichen Mainstream. Das Ergebnis solchen Querdenkens sind Antworten und Rezepte mit Schlagseite: zu einfach, zu simpel, zu einseitig, zu polarisiert, zu emotional. Querdenken als Pose.
| Ist es nicht längst die öffentliche Erwartung, dass Fachleute, Experten, Podiumsteilnehmer etc. sich möglichst auffällig, gar schrill äussern? |
Das Gegenteil
Notwendig wäre in der komplexen und komplizierten Welt das Gegenteil. Ein Denken, das Widersprüche aushält, das nicht nur ein Schwarz-weiss oder Grautöne, sondern Farbigkeit zulässt und unterschiedliche Perspektiven miteinander ins Gespräch bringt. Vielleicht liegt die eigentliche Qualität des Denkens heute darin das Andersdenken auszuhalten. Das Mühsame als zivilisatorische Aufgabe zu akzeptieren, als Preise der individualisierten, differenzierten, dispersen und in ihrer Zielsetzung freiheitlichen Gesellschaft. Die Fähigkeit, Komplexität zu strukturieren, Argumente abzuwägen und tragfähige Lösungen zu entwickeln, erfordert die Kraft die Langweile von Prozessen auszuhalten und Mut. Nicht den Mut zur bloss queren Provokation, sondern den Mut zur Differenzierung, zur Beteiligung, zur Selbstkritik, zum Dialog und immer wieder zur Entscheidung.
| Querdenken hat seine Unschuld verloren. |
Tief statt quer
Diese Art des Querdenkens müsste unter Denk mal-Schutz gestellt werden. Nicht zu schützen wäre allerdings die Hatz nach Aufmerksamkeit. Es gälte, sich vom Recht zu verabschieden, das Andy Warhol in den 1960er Jahren für jeden Menschen postuliert hatte: «15 minutes of fame». Oder wir müssten es neu definieren. Zumal es heute bei TikTok auf etwa 15 Sekunden zusammengestaucht worden ist. Der Sekundentakt würde bei den wichtigen Dingen wieder durch den Viertelstunden-Rhythmus abgelöst. 15 Minuten, das Mindestmass, um das Provozieren durch einen produktiven Perspektivwechsel abzulösen. Vielleicht wäre damit die Hoffnung zu nähren, dem Quer- könnte das Tiefdenken folgen: Ambivalenz aushalten, abwägen mit Sorgfalt, akzeptierte Entscheidungen nach fairem Streiten.
| Der Sau-Trieb, das Querdenken als Währung, die auf das Konto der eigenen Wahrnehmung einzahlt. |
Alle Querdenker
Zurück zur «Inspiration durch Querdenker», zur «Denkwerkstatt» und zur «Kunst des Andersmachens», von denen die Hotellerie und der Tourismus in der Schweiz profitieren sollen. Geht es darum, die Schweiz als Premium-Destination weiterhin auf der Weltkarte leuchten zu lassen, kann man Thomas Wüthrich, Direktor von Zürich Tourismus, beipflichten: «Langfristige Attraktivität entsteht dort, wo Tourismus die Lebensqualität stärkt.» Dazu müssten, so Wüthrich, drei Dinge realisiert werden: «Gute Infrastrukturen. Klare Positionierung. Starke Partnerschaften.» (Medienmitteilung, 25.2.2026, Tourismusbilanz 2025).
Dazu braucht es eine Arbeitsteilung: Einerseits politische Arbeit (von weniger und kostengünstigeren) touristischen Verbänden. Sie sorgen für klare und gute Rahmenbedingungen. Andererseits, dort wo die Gäste sind, vor Ort, im Hotel, geht darum, das eigene (quer) Denken in Premium-Qualität pragmatisch, profitabel, nachhaltig umzusetzen. Nach der Idee, dass gute Theorie praktisch ist, sind alle gefordert – denk mal.
| Wir müssten das Recht auf «15 minutes of fame» (Andy Warhol) neu definieren. |
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«Alte»Querdenker-Ideen aus Österreich
Denken, welcher Façon auch immer, ist zu wichtig, um es den Philosophen, den Politikern, den Wirtschaftskapitänen oder den Kreativen zu überlassen. Nicht l’Art pour l’Art ist gefragt. Es geht darum, anstehende Probleme zu lösen und künftige möglichst zu vermeiden. Hier werden vier Ideen von (zufälligerweise?) österreichischen Philosophen angezeigt, die noch immer queren Charakter haben.
Karl Popper: Durchwursteln
Der Philosoph Karl Popper (1902–1994), Professor Universität London, gab einem seiner Bücher den Titel «Alles Leben ist Problemlösen» (1996, posthum erschienen). Sein Gedanke erscheint schlicht und radikal zugleich. Probleme sind ihm nicht Störungen, sondern der Motor für Entwicklungen. Heute erscheint sein Satz unzeitgemäss. Gefragt sind schnelle Lösungen und Eindeutigkeit. Er erinnert daran, dass Unsicherheit produktiv sein kann, denn Probleme verlangen zu lernen. In Poppers Verständnis bedeutet Fortschritt nicht, Probleme zu beseitigen, sondern immer wieder bessere Probleme zu finden. Diese Art des Entwickelns ist für ihn ein sich durchwursteln. Klar, er drückte es etwas gelehrter aus und nannte diese Methode Inkrementalismus. Problemlösung und Fortschritt durch kontinuierliche Verbesserung, evolutionäre, kritisch-rationale Logik und einem praktischen Umgang mit den Problemen des Alltags. Problemlösungen ergeben sich für ihn nicht selten durch Improvisation, Pragmatik und Bricolage.
Paul Feyerabend: Anything goes
Als Professor lehrte Paul Feyerabend (1924–1994) an der ETH Zürich und im kalifornischen Berkeley. Er war Schüler Poppers und teilte erst dessen Überlegungen, distanzierte sich später jedoch von dessen Durchwurstel-Thesen. Feyerabend war überzeugt, Fortschritt sei auch radikal, sprunghaft oder anarchisch. Die Regeln und Praxis der wissenschaftlichen Erkenntnisproduktion stellte er grundlegend in Frage. Illustriert hat er seine Kritik mit dem Spruch «es ist unmöglich, den Mount Everest mit den Schritten des klassischen Balletts zu erklettern» (Wider den Methodenzwang, 1986, S. 377f). Zeitgenossen warfen ihm vor, ein «anything goes» als wissenschaftliche Methode zu postulieren. Mit Blick auf die Geschichte der Menschheit konterte er, dass es für die «geistige Sucht nach Klarheit, Präzision, ‹Objektivität›, ‹Wahrheit› (…) nur einen Grundsatz gibt, der sich unter allen Umständen (…) vertreten lässt. Es ist der Grundsatz: anything goes.»
Leopold Kohr: Das Grosse ist das Problem
Der Ökonom und Philosoph (1909–1994) gilt als Vordenker der Dezentralisierung (small is beautiful) und Nachhaltigkeit. Seine These: Das Grosse ist das Problem der Menschen (Das Ende der Grossen. Zurück zum menschlichen Mass, 1957/2017). Gesellschaftliche oder politische Probleme entstünden aus übermässiger Grösse von Staaten, Institutionen und Wirtschaftseinheiten. Im «menschlichen Mass» sah er die Massgabe für eine funktionierende Gesellschaft. Sie benötige überschaubare Strukturen, die demokratisch, verantwortungsvoll und wirksam von den Bürgern mitbestimmt werden. Kohr wandte sich gegen die Idee «grösser ist besser» und plädierte für die «richtige Grösse». Er forderte regionale Wirtschaftskreisläufe, kulturelle Vielfalt und politische Autonomie kleiner Einheiten. Das «wahre Schweizer Modell der nationalen Aufteilung – anstatt Vereinigung (…), wie es seinerzeit in der österreichisch-ungarischen Monarchie der Fall war», sah er als Vorbilder.
Joseph Schumpeter: Schöpferische Zerstörung
Der Ökonom und Sozialwissenschafter Joseph Schumpeter (1883–1950) wurde bekannt mit seiner These der «schöpferischen Zerstörung» (creative destruction). Sie besagt, dass wirtschaftlicher bzw. kapitalistischer Fortschritt nicht kontinuierlich verläuft, sondern durch radikale Innovationen entstehe. Seine Disruptions-These aus seiner Zeit als Professor an der amerikanischen Harvard Universität (1932 bis zu seinem Tod) findet in jüngster Zeit erneut beachtlichen Widerhall. Neue Technologien, Produkte und Geschäftsmodelle, so Schumpeter, verdrängten in zerstörerischer Art und Weise bestehende Strukturen: Alte Unternehmen verschwinden, neue entstehen. Schumpeter sah die Disruption daher nicht als Störung, sondern als notwendige Triebkraft für Wachstum, Produktivität, langfristigen Fortschritt und Motor des Kapitalismus. Dabei mass er den einzelnen Unternehmern die Schlüsselrolle zu, da sie Innovationen durchsetzen und so Märkte transformieren.
