Hotel und Kultur – oder was eine Minibar über ein Haus verrät

Hotel und Kultur – oder was eine Minibar über ein Haus verrät

«Wer in schönen Dingen einen schönen Sinn entdeckt – der hat ­ Kultur.» Ob Oscar Wilde, der einen grossen Teil seines Lebens in Hotels verbrachte, damit recht hat?

Renato Bergamin

Foto oben: Bei Jung und Alt beliebtes Keramik-Gestalten im Castello del Sole im Sommer 2025.

In meiner Doppelrolle als Kulturveranstalter in einem Grand Hotel meiner Wohngemeinde und als Mitglied des Andrin-Willi-Hotelrating-Teams treibt mich die Frage hartnäckig um, was Kultur bedeutet und welchen  Stellenwert sie in Hotels einnimmt. Was ist der Unterschied zwischen Kulturhotel und Hotelkultur – und warum es sich lohnt, die beiden Begriffe sauber zu trennen.

 

Kulturhotel – wenn das Hotel zur Bühne wird

Was sich als Kulturhotel positioniert, inszeniert sich als Ort für Konzerte, Lesungen, Gespräche oder Ausstellungen. Das Hotel wird von der funktionalen Übernachtungsgelegenheit zum kulturellen Begegnungsort.
Solche Angebote lassen sich messen: Anzahl Veranstal­tungen, Anzahl der teilnehmenden Gäste. Wer allerdings glaubt, Kultur müsse sich unmittelbar rechnen, verkennt ihren Wert. Qualität schlägt bekanntlich Quantität. Kultur wirkt indirekt: in Erinnerungen, in Erzählungen, im Wei­terempfehlen. Sie ist die Differenz zwischen einem Aufenthalt und einem Erlebnis.

Die Schweizer Hotellandschaft zeigt eine beeindruckend bunte Vielfalt an Angeboten oder Events, die unter Kultur subsumiert werden können. Neben klassischen Formaten laden manche Häuser die Gäste ein, selbst kreativ zu werden. Ob man Keramik gestaltet, über Literatur diskutiert oder gemeinsam singt: Kultur wird zunehmend nicht nur konsumiert, sondern erlebt.

Eine schöne Entwicklung. Meine Beobachtung ist, dass auch Kooperationen im Aufwind sind. Veranstaltungen befreundeter Häuser werden den eigenen Gästen empfohlen, ohne dass man fürchten müsste, sie zu verlieren. Im Gegenteil:
Man gewinnt neue.
Kulturangebote sind vielschichtig. Es muss nicht unbedingt der internationale Star sein. Eine regionale Band in der Lobby kann ebenso bezaubernd wirken. Viele Hoteliers haben erkannt, dass Kultur nur gelingt, wenn die lokale Bevölkerung mitgedacht wird. Heute kommt der Einheimische für ein Stück Kuchen, morgen vielleicht für ein Dinner im Sternerestaurant. Es entstehen Geschichten, die kein Marketinginstitut erfinden könnte: Der Berliner Gast erzählt daheim von der schönen Begegnung mit der Lokalhistorikerin. Das ist authentisches Storytelling und damit unbezahlbare Werbung.
Niemand stellt den Anspruch, dass jedes Haus ein Kulturhotel werden soll. Leuchttürme wie das Hotel Waldhaus in Sils Maria oder das Schloss Elmau in Südbayern mögen als Massstäbe gelten, doch sie sind das Ergebnis jahrzehntelanger Aufbauarbeit und nicht einfach kopierbar. Wer dort­ bucht, weiss, was ihn oder sie erwartet – und sucht vielleicht genau das.

 

Hotelkultur – auf der Suche nach der Seele des Hotels

Kultur ist allerdings mehr als ein Programm. Sie steckt im Kern jedes Hauses, in der Lobby, in der Bar, in der Bibliothek: sichtbar, hörbar, spürbar.
Spätestens bei der Begrüssung erkennt man als Gast, wie der Wind weht. Bin ich willkommen? Weiss man, dass ich zum wiederholten Male hier bin? Es braucht keinen roten Teppich, es reicht das Gefühl, nicht nur als Kunde, sondern als Mensch wahrgenommen und geschätzt zu werden.

Bereits der Weg zum Zimmer gerät zur kleinen Exkursion in die DNA eines Hotels. Was sich da alles beobachten lässt, unabhängig von Sternen: der Wandschmuck, die Blumenarrangements, das Grüezi oder Nichtgrüezi der Angestellten, das Knarren des Bodens, die Duftnoten. Mit einem «Ich wünsche Ihnen einen guten Aufenthalt!» entlässt man mich in die Privatheit des Zimmers und ich beginne, mir diesen Raum auf Zeit anzueignen.
Frische Früchte in einer Schale – ob saisonal oder nicht – geben schon einen kleinen Hinweis auf Nachhaltigkeit. Und dann, unweigerlich, die Minibar. Sie ist weit mehr als ein gekühltes Regal. In ihr verdichten sich zentrale kulturelle Entscheidungen: Werte wie Gastfreundschaft, Vertrauen, Kontrolle, Luxus werden erkennbar. Ob üppig bestückt, mit regionalen Produkten gefüllt oder bewusst abgeschafft – sie zeigt, wie ein Unternehmen das Verhältnis von Service, Konsum und Autonomie versteht. Ein kleiner, aber präziser Indikator der gelebten Unternehmenskultur.

Hotelkultur steckt jedoch nicht nur in Servicekonzepten. Sie manifestiert sich im Umgangston über alle Hierarchieebenen hinweg, in Ritualen und impliziten Erwartungsmustern. Architektur und Design tragen wesentlich zur kulturellen Identitätsbildung bei: Regionale Materialien, narrative Raumkonzepte, kuratierte Kunstwerke – all das bildet den Charakter eines Hauses.
Das A und O aber bleibt die Kommunikation. Vom ersten Mailkontakt vor dem Aufenthalt bis zur Begegnung mit jedem einzelnen Mitarbeitenden. Ist die auf der Website angepriesene «authentische Herzlichkeit» reine Floskel oder echt gelebt?
Erhalte ich die Aufmerksamkeit, die ich mir wünsche?

 

Ein Satz, der alles sagt

Als ich kürzlich einige Tage privat in einem Hotel verbrachte und beim Frühstück sass, trat der für seinen Humor bekannte Senior-Direktor an meinen Tisch. Mit einem schelmischen Lächeln sagte er: «Bald haben Sie es überstanden.»
Ein Satz – halb Ironie, halb Vertrautheit. Kein Programmpunkt, kein Event. Nur ein Moment echter Begegnung, im souveränen Umgang mit Nähe.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Kultur eines Hauses: in solchen flüchtigen Momenten. Meine Antwort auf die Bemerkung des Hoteliers konnte daher nur lauten: «Danke, ich habe es überstanden. Ich komme wieder.»

 

Renato Bergamin unterrichtet am KV Chur, arbeitet im Kulturbereich und pflegt eine ausgeprägte Hotel-Leidenschaft.

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