Beim Fritschi-Brunnen treffen wir im Sommer Katharina Peyer Morel – 1899 Hausdame im Hotel Schweizerhof. Sie führt uns auf dem Belle-Epoque-Spaziergang. Als Dame von Welt trägt sie einen bodenlangen schwarzen Rock und eine gestärkte, weisse Bluse.
Text: Hilmar Gernet
Katharinas Erzählschwall ist begleitet von den grosszügig miterzählenden Händen und Armen. Plötzlich fliegt ihr Schlüsselbund in den Brunnen. Nicht verlegen und gewohnt, Aufträge an das Personal zu erteilen, verlangt die Hausdame vom Gast in der ersten Reihe, die Schlüssel mit einem Stock aus dem Wasser zu fischen. Es gelingt ihm nicht. Ungeduldig und mit klarem Ton ruft sie den zweiten Gast herbei. Der geht es mit Schwung an – und es gelingt. Die Hausdame ist zufrieden. Für sie ist es eine Selbstverständlichkeit, dass ihre Befehle ausgeführt werden. Ohne Dank und weiteren Kommentar startet die Stadttour.

Schauspielerinnen verkörpern die Schweizerhof-Hausdame aus dem Jahr 1899 und führen im Belle-Epoque-Spaziergang gleichzeitig durch das heutige Luzern und eine vergangene Zeit.
History-Leckerli und Weisswäsche-Geheimnis
Das Konzept «Stadtspaziergang Belle Epoque», angeboten von Luzern Tourismus, ist eine Kombination aus Theater und touristengerechten, historischen Leckerli – oder sollte man sagen Willisauer Ringli. Aus diesem Landstädtchen im Luzerner Hinterland stammte nämlich Katharinas Lehrmeisterin – Katharina Peyer Morel (1790–1876) –, wie sie stolz erzählt. Ebenso wichtig wie die historischen Inputs der Hausdame ist der Spaziergang durch das belebte Luzern (2026). Immer wieder bezieht die Hausdame spontan Menschen ein, denen die Spaziergangsgruppe begegnet. Katharina kommentiert ihr für 1899 unangemessenes Verhalten, stellt ihnen Fragen oder erteilt ihnen Aufträge. Die einen spielen sofort mit.
So der erwischte vermeintliche Schweizerhof-Service- Boy, der hier gemütlich mit einem Freund in einem Restaurant beim Bier sitzt. Statt ihrem Dienst im Hotel nachzukommen, reden die beiden über Gott und die Welt und bestimmt auch über die flanierenden, schönen Damen. Vor einem Weisswäsche-Laden verrät uns die Hausdame ihren geheimsten Wunsch. Sie schwärmt davon, einmal ein edles Stück Unterwäsche zu besitzen, wie die noblen Gästedamen. So wie es die Damen von Welt im Schweizerhof tragen, wie sie von ihren Zimmermädchen weiss.

Beim Fritschi-Brunnen in Luzern startet der Belle-Epoque-Spaziergang.
Hausdame duldet keine Widerrede
Ein Höhepunkt des Belle-Epoque-Spaziergangs ist der Besuch im Hotel Schweizerhof. Da ist das Reich der Hausdame. Da ist sie die unantastbare Regentin aller unsichtbaren guten Geister im Grand Hotel. Da sagt sie, wer was zu tun hat – und zwar sofort. Widerrede duldet sie nicht, nur ein Nicken, sich sofort an die Ausführung der Anweisung machen. Ihrer theatralischen Befehlsgewalt unterworfen sind auch die aktuellen Mitarbeitenden im Schweizerhof – und sie spielen ihre Rollen perfekt. So ein Portier, der gelangweilt beim Eingang steht. Als sie ihn sieht, dauert es keine zwei Sekunden und er hat von Katharina Peyer Morel einen Auftrag gefasst. Selbstverständlich macht er sich mit gesenktem Kopf an die Arbeit und zottelt ab. Oder das Zimmermädchen, das, ohne etwas zu tragen, durch den Hotelgang in der ersten Etage geht, muss sich rechtfertigen. Warum trage sie nicht dieses oder jenes nach oben oder nach unten? Im Schweizerhof spielen alle spontan und perfekt mit. Denn sie wissen: Mit der Hausdame ist nicht zu scherzen – auch wenn sie dem 19. Jahrhundert entsprungen ist.
7 Gänge und 6 Weine für den Kaiser
Im Schweizerhof erzählt sie von selbst erlebten Geschichten prominenter Gäste. Oder sie liest kurze Passagen aus Tagebüchern oder Briefen vor, die Gäste über das Hotel oder Luzern geschrieben haben. Besonders angetan hat es ihr der Staatsbesuch von Kaiser Wilhelm II. am 2. Mai 1893. Er kam mit dem Dampfschiff um 9.57 Uhr von Flüelen her beim eigens für den Kaiser errichteten Landungssteg direkt beim Schweizerhof an. Mit dem «Hofzug» fuhr der kaiserliche Tross um 12.12 Uhr wieder ab. Dazwischen fand im Schweizerhof ein offizielles Mittagessen mit Bundespräsident Karl Schenk statt. In einer Dreiviertelstunde wurden sieben Menügänge und sechs Weine serviert. Es wurden auch noch Reden gehalten, erzählt die Hausdame nicht ohne Stolz von der Spitzenleistung ihres Hauses.

Der Landungssteg mit den zwei Säulen ist noch heute ein wunderschöner Platz, der den Touristen heute, wie damals dem Kaiser, einen ungestörten Blick auf das schönste Panorama der Welt ermöglicht – Vierwaldstättersee, Rigi und Pilatus. An diesem Ort verrät uns die Hausdame ihren zweiten geheimen Wunsch: Sie hoffe, bald eine eigene kleine Pension mit elf Zimmern zu führen. Die Aussichten dafür würden sehr gut stehen. Ihr Wunschhaus stehe an der gleichen Strasse wie der Schweizerhof, nur etwas weiter draussen.
Übung zu Belle-Epoque-Tischsitten
Der anderthalbstündige Spaziergang mit Katharina Peyer Morel durch die Stadt verging wie im sprichwörtlichen Flug. Die letzte Station war im Rothenburger Haus, dem ältesten erhaltenen städtischen Holzhaus der Schweiz. In diesem Bijou aus der Zeit um 1500 bereitet uns die Hausdame auf das Nachtessen im Hotel Schweizerhof vor. Wir wurden eingeführt in Belle-Epoque- Tischsitten.
Wir sollten uns beim Abendessen im grossen Schweizerhof-Saal nicht blamieren. So wird bei einem oder zwei Gläschen Prosecco der angesagte Trinkstil geübt. Besonderen Wert legt die Hausdame auf die Stellung des kleinen Fingers beim Erheben des Glases und beim Trinken. Er muss gut sichtbar abstehend ausgestreckt sein. Ebenso wichtig ist die Instruktion der Gäste zum Einsatz des ganzen Arsenals von Gabeln, Löffeln, Messern und Zangen (für die Schnecken), die rund um den edlen Porzellanteller – rechts, links, oben – assortiert sind. Damit sind wir gerüstet und hätten beim Nachtessen sicher eine gute Falle gemacht. Wir hätten hoffen dürfen, unter den Belle-Epoque- Gästen nicht negativ aufzufallen oder diese zumindest nicht zu stören. Zumindest hätten sie, meint die Hausdame, elegant und etwas hochnäsig über uns Touristen aus dem 21. Jahrhundert hinwegsehen können.

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Das Vorbild: Katharina Peyer Morel (1790–1876), Hausdame im Hotel Schweizerhof Luzern, war das Vorbild für den Belle-Epoque- Stadtspaziergang in Luzern. Nach dem Besuch der Töchterschule der Ursulinen trat sie zwölfjährig die erste Stelle im Gastgewerbe an. Später begleitete sie ihren Ehemann u. a. in den Russlandfeldzug (1812/13) Napoleons. 1846 verwitwet, leitete Katharina verschiedene Gastbetriebe der Familie von Segesser in Luzern, u. a. die Grand Hotels Schweizerhof und National. Weiterführende Informationen zu Katharina Peyer Morel finden sich im Historischen Lexikon der Schweiz: hls-dhs-dss.ch/de/articles/045161 |
